haiku

winterfest
im garten tanzen
schwarze zweige
es wäre so einfach, weiter zu wandern. ins blaue hinein wo der wind ein lied erzählt. ich und der wind und das meer und der himmel, wir
würden singen. ein lied von blüten- und sternenstaub. der wind fährt in das orangene segel, ich klappe meinen schirm zusammen und steche in den himmel. die wind- und wetterfahrt beginnt und über den wellen verliere ich meine sandalen, die wie nussschalen ins rauschende blau hinein sausen. nussschalenschiffchen wellenkammauf, wellenkammab, bis ich sie aus den augen verliere.
ich halte das segel fest, das orangene segel, und der wind singt noch immer. ich habe die melodie vergessen und beobachte die sterne,
sehe wie der skorpion den schützen beisst, der schütze vor schreck seinen pfeil abschießt und die waageschalen zum wackeln bringt. der stier galoppiert die milchstraße entlang und ruft nach den seekühen, die bei fisch und krebs unterm wasserspiegel sitzen und sich kämmen. bei ihnen sind jungfrau und zwillinge und spielen skat, während der wassermann mit der nixe schäkert. aus ihren augen rollen perlen, die der wassermann in einem kescher sammelt und von zeit zu zeit den austern zum fraß vorwirft. am horizont, ganz fern,
taucht eine insel auf. Dort liegen steinbock, widder und löwe friedlich beisammen und lecken einander das fell.
jetzt spanne ich meinen schirm auf, lasse das segel los und lande am strand. die tiere stehen auf, beschnuppern mich und laden mich ein, mich zu ihnen zu legen. das tue ich, beobachte wellen und warte, bis das meer meine sandalen wieder ausspuckt. dann werde ich meine nächste reise beginnen…
Schreibtischtraum
Sie sagen, es sei Meditation, eine tiefe Versenkung. Dem Gedankengeplapper würde der Hals zugedreht. Schluss mit dem immerwährenden Geknaster und Geknautsch, Schluss mit dem Gebrasel und Gebrumm. Schluss. Endlich Schluss. Leer. Still. Nur noch das Kratzen des Stiftes, der Feder, der Kohle, der Kreide auf dem Papier. Die Augen sausen hin und her zwischen dem Modell und dem Blatt. Stifte stehen aufgerichtet im blauen Glas mit dem Goldrand. Filzer, Buntstifte, Kugelschreiber, zwei neue Kohlestifte. Bleistifte. Es ist spät. Der Stift jagt über das Papier und erschafft eine Form aus hell und dunkel, Licht und Schatten. Schließlich wird er hingelegt. Die Augen sind müde. Die Hand ist müde. Der Traum beginnt. Der Traum von den Figuren, Formen, Geschichten, die in all den Stiften schlummern. Lange rote, blaue, gelbe, schwarze Stifte, orangene, gelbe, ach es ist kein Ende zu finden. Bleiben die Stifte stehen im Glas, können die Geschichten und Bilder nicht heraus, sie bleiben eingesperrt und unerzählt. Wie viele Stifte in dem Glas stehen und warten…
Der rote will vielleicht ein Bild erzählen von einem Blutbad oder einem zerbrochenen Herzen oder einem Granatapfel auf einem festlich gedeckten Tisch. Der blaue von Prinzessinnenaugen, die in den Himmel schauen. Weil da vielleicht der Wolkenprinz sitzt und sich nach der blauäugigen Prinzessin sehnt. Und der grüne über irische Wiesen oder grünspanbedeckte Bronzekönige, die auf ihrem Pferden den Bahnhof bewachen. Oder vom Jäger aus Kurpfalz, der durch den grünen Wald…
Man muss die Stifte befreien – deshalb. Und schon träumen die Träume weiter…
