SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Frohe Weihnacht!

Tagebuch — Sylvia am 24. Dezember 2008  

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Allen Leserinnen und Lesern dieses blog wünsche ich ein

frohes Weihnachtsfest, viel Zuversicht, Freude, Gesundheit,

gelingende Projekte für das neue Jahr!

café am archiv

Lieblingsplätze — Sylvia am 16. Dezember 2008  

waterloo

die frau ging, als sei sie ein
zartes gefäss, bis zum rand gefüllt
mit teurem wein, sie ging als hätte
sie angst, auch nur den kleinsten
tropfen davon zu verschütten. ihr gesicht
war ein kindergesicht, ein altes kindergesicht;
stumpfe augen, als hätte ein grobes sand-
papier allen glanz heruntergeschmirgelt
und nur in den augenwinkeln ein wundes
schimmern zurückgelassen. wirres
undinenhaar, wolkiggrau wie pappelschnee.
sie stellte sich still an einen der tische,
legte ihre hände auf die platte aus plastikmarmor
und neigte lauschend den kopf. behutsam
trat der wirt an ihren tisch und stellte
einen becher heisse milch vor sie hin.
sie lächelte fern und fragte: „wie haben
sie mich hier nur gefunden?“

http://www.cafe-am-archiv.org/

jemand hat mich aus dem see gezogen

Foto-Text-Geschichten — Sylvia am 13. Dezember 2008  

eissee

jemand hat mich aus dem see gezogen. mein gaumen ist wund
vom haken, an dem ich hing. ich zapple auf dem feuchten gras.
jemand stellt seine schuhe neben mich. jemand flüstert: lass
uns tauschen! das schweigen wird groß zwischen uns und ich fühle
meine haut stumpf werden unter den blicken der sonne. jemand raucht.
jemand legt seine kleider neben mich. im schattigen
schilf schnattert leis‘ eine ente im schlaf. schritte entfernen sich.
nein warte, rufe ich, es ist nicht so, wie du denkst. stille zittert
wie das gras, in dem ich liege. wessen körper taucht in das wasser,
wessen haut netzt es, während ich hier vertrockne? ich krieche in das
hemd und schon wachsen mir flügel, weiss und unendlich stark. warte,
rufe ich, warte. doch die flügel wachsen in die luft, ziehen mich
in die bläue und ich sehe von oben im gras meine haut liegen, meine
graue haut, die ich zurücklasse dort am ufer während ich fliege,
fliege, fliege, in einem gewaltigen schwanengesang.

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