SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

nochmal rosen…

Lyrik — Sylvia am 28. Juni 2011  

röschen – anbetung

röschen ach, wenn ich dich seh,
wird mein tiger wach,
knurrig, fauchend und gemein
pirscht er durchs gemach.

röschen whow dein neonkleid
mit den runden säumen
tuschelt scharf und rattenzart
nachts mit meinen träumen.

röschen deine knusperhaut
schmeckt schärfer noch als rettich
wenn ich dich nicht kriegen kann
beiss ich in den teppich.

röschen hach, du kleine sau,
auf dem frischen leinen
hüpfst du wie ein känguru
zwischen edlen weinen

röschen huch deine dessous
reiss ich dir vom leibe
hach wie’s zirpt und knirscht und quietscht
wenn ich’s mit dir treibe.

röschen wenn du nackig bist,
will ich an dir schnuppern,
warte nur, jetzt krieg ich dich,
hör mein herzchen buppern.

röschen ih, jetzt riech ich dich,
pfui mir wird ganz anders.
schlagartig clean gesteh ich dir,
dass du mich nicht mehr anmachst.

dein hautgout ist zu extrem
röschen, schönes, rundes,
sei nicht bös ich bitte dich,
vernimms aus meinem munde:

ach rosenkohlröschen –
dein lindgrünes
herzgrübchen –
stinkt…

herrenhausen tag und nacht

Geschichten — Sylvia am 25. Juni 2011  

sophie Kopie

ein tag aus zauberstaub, regenbogenzart, mit leuchtenden schatten die menschen gingen leise über den kies, es war, als schwebten sie, immer diesem kühlen leuchten der großen fontäne entgegen. in den wassernebeln wandelten ihre schatten rundherum um den vergoldeten quelltopf.

ich unter meinem baum verborgen lauschte dem rauschen des wassers, sah die zitternden blätterspitzen etwas in das blau des himmels schreiben, grünes geschwätz, grünes grünes geplauder, das ich nicht verstand, es war auch nicht nötig. herr leibniz und kurfürstin sophie lagen mit mir im gras und zählten die adern der blätter. „und sehen sie: es gleicht nicht eines dem anderen“, sagte herr leibniz. „o ja,“ seufzte sophie, „ist es nicht wunderbar?“

dann schwieg auch sie, wir alle drei schwiegen und lauschten dem wasser, den blättern, dem himmel, den vögeln, die die wahrheit wussten. nach einem tiefen schlaf verirrten wir uns in den gärten, gerieten tiefer und tiefer hinein, verloren die spur des minotaurus beim kleinen pavillon mitten im irrgarten. dunkel war es nun, und still, selbst die vögel hatten keine lieder mehr. ich hörte herrn leibniz vom monde sprechen und von der besten aller möglichen welten, vom reisen in rumpelnden kutschen und der notwendigkeit, einen gefederten reisesessel zu erfinden, um die strapazen zu mildern. mit dem spazierstock zeichnete er seine erläuterungen in den kies. schließlich gingen sie davon, ich folgte ihnen bis zum großen tor und sah sie in die linie 4 der stadtbahn steigen. sie hielten sich an den halteschlaufen fest, schwankten leicht beim anfahren der bahn, die perückenköpfe einander zugeneigt in freundschaftlichem gespräch.

als sie nicht mehr zu sehen waren, kehrte ich um. ich wollte noch nicht zurück in die stadt, mir war, als hätte mir der garten noch nicht sein letztes geheimnis verraten. die kiessteinchen knisterten unter meinen füßen, die nachtluft war kühl und erfrischend, die ölbäume in ihren kübeln winkten mich freundlich weiter. hier – ein hauch von lavendel – da ein duft nach brunnenwasser, dort – die hellen schattenrisse der figuren, die vier elemente, die erdteile, die nymphen und faune und pan, der alte schlawiner, der versucht, die nymphe syrinx herumzukriegen. doch die will ihn nicht, verwandelt sich, und pan hält ein bündel schilf in seinen armen, dem der wind klagende töne entlockt. das klingt so schön, so wunderschön, verweile doch denkt pan bei sich und macht sich eine flöte aus der geliebten. im weitergehen kichere ich vor mich hin und schön angesäuselt vom lindenblütenduft kehre ich im rosengarten ein.

wie wunderbar ist es, hier im dunkeln zu sitzen zwischen all den schönheiten, die so verschwenderisch ihren duft verströmen. die nachttiere höre ich huschen und rascheln in den rabatten und der mond macht O in den dunklen himmeln. mehr will ich nicht, nur rosen riechen und stille sein. meine wange lehnt am rankengitter, blätter und blüten streifen meine haut, auch zarte dornen wischen drüberhin – und ja, denke ich, das ist es, das ist es, das ist der ultimative rosenrausch.

da plötzlich, ein prickelndes kühles wehen durchschneidet die schwüle, ein leichter fast schwebender schritt ist zu hören, ein rotes gewand schwingt sich herein zu mir auf die gartenbank, rot rot flammend flammend rot. ich atme nicht mehr, oder ich atme kaum noch oder ich atme nur flach oder ich…. „schönste“ seufzt er mit himbeerenstimme, „ich hab‘ so lang‘ auf sie gewartet.“ ich springe auf, sofort. „ich kann mich nicht erinnern… sie haben sich nicht vorgestellt, ich…“ „deep secret, mein name, schönste, sie erinnern sich wirklich nicht?“ mit einem schritt ist er bei mir, herrisch greift er zu, zerrt an meinem kragen, legt die wange an meinen hals – es ist so leicht, sich fallen zu lassen. in tiefen zügen atme ich, dieser duft, sein duft, schlimmer noch als lindenblüten. meine finger greifen in sein gewand, ist es samt, ist es seide, ist es … ja was? weich ist es, gleichzeitig fest und aufregend abweisend, darunter fern und kühl seine haut, glatt und zart wie götterhintern. sein bart zerkratzt meine schulter, es ist egal, egal rufe ich in den heiligen garten, nächtlich still, nur den mond hört man summen und deep secret hastig atmen, mich selbst keuchen und stammeln.

nein, das habe ich nicht gewollt.
aber ich habe es getan in dieser nacht. der erste vogel erwacht, zögernd sucht er die töne zusammen für seine melodie, der mond verschwindet und der morgen linst durch die rankengitter. warm liegt die sonne auf meinen händen, voller blut, auf meinen lippen, wund und zerrissen, und auf meinen knien wiege ich ihn, deep secret, deep secret flüstere ich und immer wieder lese ich seine daten vom blatt, das um seinen schlanken hals hängt: „deep secret, aufrechte gestalt, mittelhoch, teehybride, dunkelrot, öfter blühend, im sommer und im herbst, tantau, deutschland 1977, eltern unbekannt.“

leise verlasse ich den pavillon, lege die sterblichen überreste deep secrets an einem teich zur letzten ruhe und schleiche aus dem garten, noch bevor der erste gärtner zum dienst erscheint.

werbung in eigener sache:

Tagebuch — Sylvia am 19. Juni 2011  

rosenlesung

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