SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

limmerstraße

Tagebuch — Sylvia am 31. Januar 2016  

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limmerstraße ein uhr mittags mit radlern, passanten, grünen straßenbahnwagen der linie 10. grüne busse der linie 700. alles schleicht, flitzt, rauscht vorbei am fenster. regen fällt, mal grade runter, mal fast waagerecht. dann ist die aussicht versperrt, menschen stehen vor dem fenster, unter dem vorsprung zum schutz vor dem regen. kommt eine bahn, gehen sie schnell und entern sie. im raum weiter hinten, hinter unseren rücken, rumpeln die waschmaschinen mit den wundersamen namen. eine heisst kunigunde wie ein burgfräulein. dieses fenster kann alles sein: durchguck zum catwalk: die buntesten verwegensten lustigsten outfits werden spazierengetragen. durchguck auf die drama-bühne: eine mutter zetert mit ihrer tochter, schrill gibt es kontra. einer schaut in den abfallbehälter, behutsam räumt er schicht um schicht beiseite. ein pärchen küsst sich innig verschlungen. eine schwarze frau mit wirrem haar steht laut schimpfend am kiosk. logenplatz im konzert: der akkordeonspieler vor dem REWE markt hat ganz andere sachen im repertoire als musette.

sag: wer braucht da noch TV?

wer weiss?

Tagebuch — Sylvia am 29. Januar 2016  
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in der leinemasch weit  hinten am rand des flusses landete soeben ein dinosaurierjunges. in einem urzeitei verborgen hauste es unter laub und wiesenheu bis zum heutigen tage. an einem warmen morgen im winter entstieg es seinem ei, stolz wie ein astronaut beim ersten marsgang, breitete die kleinen flügel in den wind und wurde in die nackten zweige eines baumes geweht. hier hängt es fest, denn es will nicht los lassen. es hasst das ungewisse, neue, den rätselvollen glitzernden fluss unter der brücke, die krähen und die wilden brunhilden, die mit funkenstiebenden rollerskates über den asphalt der brücke rasen. nur mut! gröhlt das bisamrattenpärchen auf seiner sandbank. komm, flieg mit mir, säuselt der wind. wer weiss? womöglich lässt es morgen locker und fliegt mit den blauen säcken fort zur deponie, im trüben fischen.

zaubernuss

Tagebuch — Sylvia am 27. Januar 2016  
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grau ist das neue schwarz las ich so ging ich hinaus ins große grau unter meinen füßen der weg nicht grau erst rot dann braun an den grauen baum- und buschgewändern accessoires in blau in gelb in grün sogar in rot manchmal so labten sich augen und füße am seltsamen wintertag

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