SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

großes kino

Tagebuch — Sylvia am 30. September 2016  

viele schleusen gibt es zwischen Passau und dem Donaudelta. da müssen wir durch. hilft ja nichts. und jede schleusung ist ein ereignis.

das schiff fährt in die kammer. die schleusentore schließen sich. sitzt du in der kabine, kannst du schon klaustrophobische anfälle bekommen. du guckst nicht in die weite der landschaft, du guckst auf eine dunkle wand.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

eingeschlossen fühlst du dich und flüchtest an deck.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

dort sind die stühle gerichtet. das publikum hat platz genommen. und es geht los. wasser fließt in die kammer, langsam hebt sich das schiff. in manchen schleusen quietscht und donnert es metallisch, ein seltsamer toter hall macht den gruseleffekt vollkommen. die phantasie macht mit dir, was sie will. bilder von defekten hebemaschinen, die plötzlich los lassen. das schiff, das einen bauchklatscher macht und auseinanderbricht. blöde gedanken, husch, weg mit euch.  besonders nachts wird dir schauerlich. da hilft die gemeinschaft der schauenden, da helfen dir die lichter, die sich herrlich im wasser spiegeln.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

und irgendwann öffnen sich die tore, wie ein bühnenvorhang, und das schiff fährt hinaus aus der finsteren welt, ins freie, weiter auf der schönen Donau und du denkst: ach ist das schön! bis zur nächsten schleuse.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

an einem tag blieben wir doch in der kabine. zur belohnung entdeckten wir die schatten der reisenden vom oberdeck, die wie durch zauberei an den schleusenwänden erschienen – und eine ganz eigene geschichte erzählten.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

am ufer

Tagebuch — Sylvia am 28. September 2016  

die Donau fliesst durch viele länder:  durch Deutschland – Österreich – die Slowakei – Ungarn – Kroatien – Serbien – Rumänien – Bulgarien – Moldawien – die Ukraine.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

fährst du die Donau runter, gleitest im schiff über ihren glitzernden rücken, hörst du so manche geschichten aus der geschichte. du denkst dir, dass sich eigentlich nicht viel geändert hat über die jahrhunderte hinweg.

mord und totschlag, brandschatzende horden, unterdrückung, beute, menschen.leben, grenzverläufe. menschen eben. herrschsucht. kriegswut. macht. gier. besetzungen. landraub.

trübsinn will sich einnisten; doch dann kommen die bilder heran von den menschen am ufer. ganz gleich, durch welches land wir fuhren: da waren die männer, die gleichmütig ihre angel in den fluss hielten. saßen und schauten und schauten und warteten. im hintergrund sah man oft kleine hütten, irgendwie zusammen gehauen aus brettern, zweigen, stoff. manchmal sah man frauen, kinder wuseln.

abends brannten feuer, etwas wurde gebraten, vielleicht die gefangenen fische, vielleicht ein kotelett, eine wurst. musik war zu hören, manchmal gesang, flaschenklirren. und beim nachspüren der reise denke ich mir: überall, in jedem land, saßen die menschen am fluss und wollten nichts als friedlich fische fangen, essen, trinken, singen, feiern, mit freunden beisammen sitzen. wieso also gibt es dennoch so viel: mord. totschlag und all das. siehe oben. es könnte so einfach sein. aber menschen sind menschen. wahrscheinlich wohnt es in uns allen, mal gezähmt und fein geföhnt, mal wild und von der leine gelassen: das monster, das haben will. das herrschen will. das blut will. das will, was der andere hat;  Kain und Abel. aber die bilder der menschen am ufer machen hoffnung, trotzdem, wider alle erfahrung und befürchtung. „sozialromantikerin“  höre ich diabolo, den durcheinanderwerfer, auf meiner linken schulter kichern. lach nur. ich brat mir jetzt nen schönen fisch – willst du auch?

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

so schnell

Tagebuch — Sylvia am 24. September 2016  

so schnell klappt es nicht mit dem ankommen zu hause. noch immer fühle ich mich ein wenig aus der welt gefallen. wache ich früh auf und schiebe den vorhang zur seite, sehe ich meine straße, wie sie immer ist. das ist beruhigend und schön und hilft ein wenig. doch immer noch denke ich an die frühmorgenblicke auf dem schiff. manchmal nichts als fluss und bäume. manchmal überraschendes, wie an diesem morgen. aus der dämmerung schiebt sich ein bild an mir vorüber. eine sandbank. darauf ein mann. ein häuschen? ein gestrandetes hausboot? seine zwei weissen freunde spazieren ungerührt weiter. nur der mann schaut auf, wundert sich vielleicht oder auch nicht über mich, die nicht aufhören kann, auf dieses bild zu schauen. vielleicht ist es ja doch nur ein traum.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Nächste Seite »