SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

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Tagebuch — Sylvia am 30. März 2017  

viele schaukästen verteilen sich über die verteilerebene. als solche sind sie gut getarnt. hinter den fotofolien mit traumhaften bildern verbergen sie sich.

hier eine oase mit wasser, drei kamelen und einigen palmen und büschen. schaut man genauer, entdeckt man noch den einen oder anderen schmetterling – und das wars.

lange rede – kurzer sinn: die galerie „interaktion kunst“ hat diesen kasten gemietet. künstlerinnen und künstler dürfen sich darin austoben. unter anderem ich – als erste. ists ehre? ists last? von allem ein bisschen. bammel hatte ich. 2,40m lang, 1 m hoch, zwischen 65 cm und 35 cm tief – keine ahnung, wie das zu packen war.

so fing ich erst mal an zu spielen, draußen, auf der fotofolie. beklebte die schriftzüge oben links und rechts. fand dann, dass die drei kamele ein wenig einsam waren und schickte ihnen viele bunte gefährten in die karge wüste.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt

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Tagebuch — Sylvia am 29. März 2017  

zugluft und stimmen, hallende schritte, manchmal ein dingdong, wenn eine stadtbahn angekündigt wird, unten, auf einer der zwei bahnsteigebenen.

ein eilen und rennen, zielgerichtet, nicht links nicht rechts gucken, höchstens aufs smartphone. wir befinden uns hier auf der „verteilerebene“. du fragst dich, was wird verteilt? flugblätter? freibier? handküsse? bratwurst umsonst? und wo versammeln sich diese was auch immer-verteiler? jedenfalls nicht auf der verteilerebene. aber die menschen verteilen sich selbst – da sind die durchgänger, die diesen bereich durchqueren, um unter dem Aegidientorplatz hindurch auf die andere seite zu kommen. da sind die busaussteiger, die zum stadtbahnbahnsteig eilen um umzusteigen, die ersteinsteiger…

es gibt die reparierenden, die saubermachenden, die ordnung schaffenden. es wird gepinselt, gewienert, gewischt, es werden flackernde oder schwarze leuchtstoffröhren gegen still funktionierende ausgetauscht. menschen werden befragt, ermahnt, weiter geleitet.

manche schauen in die papierkörbe. manche lungern so herum. manche sprechen von subversion, von unterwanderung und geheimen revolutionen. manche riechen nach schnaps, manche verstehe ich nicht, sie sprechen eine fremde sprache. einer hält eine predigt über verantwortlichkeiten. einer, ein weiss gewandeter Jesus mit leuchtenden augen läuft regelmäßig hier durch, schnell, behutsam, mit wirrem haar.

 

 

 

Fortsetzung folgt.

hey frühling!

Tagebuch — Sylvia am 29. März 2017  

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