SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

vermöbelt

Tagebuch — Sylvia am 24. Januar 2019  

früher gabs hier einen laden, der alles hatte. geschirr, bratpfannen, sparschweine, waschmaschinen, kühlschränke, lose schrauben, tapetenkleister, nägel, hammer, blumendraht, bratenwender. ich weiss nicht was noch alles – wenns an irgendwas fehlte, ging man zum Conny. der Conny hatte irgendwann sein alter und ging in rente. weg war die pracht. manchmal trifft man ihn noch im viertel und er scheint glücklich zu sein. er strahlt, er erzählt und wirkt tiefenentspannt. nur wir verdrücken noch immer manchmal (heimlich) ein tränchen.

wir waren alle gespannt. und auch ein bisschen besorgt. WAS kommt denn jetzt wohl hier rein? es dauerte auch, lang rührte sich nichts. die wochenmarktgerüchteküche freitags am käsestand kochte. bange vermutungen wie: ach wohl noch ne bank, nochn makler, nochn nagelstudio. nochn bäcker? och nääää!

und nun, endlich, wissen wir es: gebrauchte möbel. aber welche von der chicen sorte. klassiker, so aus den 60er, 70er jahren, manchmal bisschen älter, aber alles gediegen. man grüßt und sagt hallo zu den teilen, sie kommen einem vor wie alte bekannte, wie onkel und tante. der omaplüsch, der gelsenkirchener barock ist hier nicht zu finden. coole ledersessel, teak, schnittige sideboards, beistelltische, buchregale, alles stromlinienförmig. man kann schon mal sti(e)laugen kriegen. aber nein, wir haben ja schon alles. neulich guckte ich mal wieder ins schaufenster und verliebte mich schlagartig. immer, wenn ich vorbeigehe, guck ich hin und denke: ach! ach! da ist eine wirklich kleine süße stehlampe (im omastil!) mit dem üblichen seltsamen hellen rundschirm. aber sie steht nicht langweilig auf einem bein rum. es sind vier beine, die gehören zu einem tischchenähnlichen dings. zwei kleine ablagen, ich glaube oval, warten auf die bücherstapel, die unbedingt vernascht werden wollen. sie ist so! rührend! immer hoffe ich, dass sie noch da ist. es fallen mir geschichten dazu ein. ich sehe eine nachdenkliche, dennoch fröhliche person da sitzen (in meiner phantasie) und tag und nacht in den büchern schwelgen. wenn sie morgen noch da ist, (die lampe!) mache ich ein foto. das obige ist durchs schaufenster eines ähnlichen ladens in der innenstadt geknipst. also eigentlich ein platzhalter. für das eigentliche. morgen ist markt. da geh ich da mal rum.

wölkchen auf den lippen

Tagebuch — Sylvia am 22. Januar 2019  

an den geleisen gestanden heut morgen.

die bahn lässt sich zeit. manche menschen reden. manche menschen rauchen. manche menschen rauchen und reden. manche gucken nur. doch vor allen mündern stehen kleine wölkchen. wenn die bahn kommt, ist alles verweht wie der traum, aus dem ich heute morgen stieg. davon weiss ich auch nichts mehr, außer dem müllabfuhrmann in orange, der mir zuwinkte und rief: „diesen mist machen sie aber alleine weg.“

sonnenschein

Tagebuch — Sylvia am 19. Januar 2019  

in diesen tagen war es dunkel, viel und oft. der regen trommelte und rauschte und wir waren es so leid. erst war es schön gewesen, zu lauschen und einfach nichts zu tun. im rotweinglas spiegelten sich die lichter, noch von weihnachten her. die katze schnurrte, der hund seufzte im traum und zappelte mit den pfoten. unsere gastgeber taten alles, um uns fröhlich zu machen. feiner wein, leise gespräche bis in die nacht, nahrhaftes essen, spaziergänge im nassen schwarzen wald. schön war es. und nun, wieder daheim seit tagen, erscheint plötzlich hier: die sonne. ganz ungewohnt hell ist es unterm dache, und als ich heut morgen hier oben ankam, fiel mir gleich dieses ensemble ins auge:

ja! sagte ich. genau!

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