SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

fahr bahnhof

fahren und schreiben — Sylvia am 26. Februar 2006  

fahr bahnhof
fahr bahnhof
japanerhändchen
tätscheln dictionaries
der blaue kasten
macht PING
mit silbernen lippen
ein fettiger kußmund
auf der glastrennscheibe
und ein lippenstiftherz
alex + mathilda
denken sie bitte
an ihren fahrausweis
ja
ich werde an ihn denken
den ganzen tag
kaugummifetzen
platzen ins gesicht
da weint mathilda
lang nicht gesehn
und doch hahaha
an der stange
unter der decke
halbherzige handschellen
wo
baumeln sie hin
gnädigste
fahr bahnhof
fahr bahnhof
den zügen
hinterher

ICE1

fahren und schreiben — Sylvia am 12. Februar 2006  

Stundenlang saß ich im ICE und schaute zum Fenster hinaus oder vor mich hin. In den Obstbaugebieten standen Vogelscheuchen in den Bäumen. Die Fahrgäste räkelten sich in den Sitzen und gähnten, und niemand außer mir sah das aufgeregte Winken der Scheuchen in den Zweigen. Vor mir tippte jemand ständig Ziffern in sein Handy, der Servicemann trug Eis durch das Großraumabteil, gefolgt von drei jungen Männern mit Sportkappen, Michelin-Männchen, die durch den Gang schaukelten und sich laut unterhielten. Das Pärchen nebenan saß schweigend, irgendwann zog sie zwei Plastiktüten aus einer Reisetasche, gab ihm eine davon und sie begannen stumm, mit synchronen Bewegungen das Essen auszuwickeln, zum Mund zu führen, zu kauen und hinunterzuschlucken ohne einander anzusehen. Sie sahen auch nicht aus dem Fenster, sondern fortwährend auf die Rückwände der blauen Plastiksitze vor sich, in deren Mitte jeweils ein schwarzes Netz befestigt war. In jedem der Netze hing eine kleine Flasche Cola. Die Frau auf dem Sitz davor las „Crazy“ von Benjamin Lebert und bewegte dabei ihren Fuß in den schwarzen Riemchensandalen, den sie über das rechte Knie gelegt hatte, immerzu hin und her, als müsse sie das Gelenk geschmeidig halten.

Es lag an diesem Tag eine unwirkliche Stimmung über allem, so als wäre etwas Wesentliches aus der Welt davongegangen und für immer verschwunden. Die Parkplätze vor den Supermärkten in den Städten waren leer, auch in den Dörfern war kein Mensch zu sehen, ein weiß verstaubtes Kieswerk wirkte wie lang schon verlassen, Wege und Straßen schienen irgendwo in der Weite zu versickern. In dem schräg geschnittenen Spiegel an der Garderobe sah ich eine unendliche grüne schnelle Bewegung, Bäume an der Strecke, später konnte ich darin Hausdächer und Türme entdecken und immer wieder große Stücke blauen Himmels, die wie alles andere nach links aus dem Spiegel davonflogen und in mir ein Gefühl der Trauer über das unaufhaltsame Vergehen der Zeit weckte.

Die Menschen um mich herum waren nun alle in tiefem Schlaf versunken, bliesen mit zurückgelegten Köpfen und offenen Mündern verbrauchte Luft ins Abteil und ich beobachtete die Werbebroschüren der Deutsche Bahn AG, die bunt an den Haken schaukelten, sah im Spiegel noch einige Wolkenfetzen davonrasen, ließ endlich alles Schauen los und schloß die Augen, im Ohr das Schnarchen eines Mitreisenden und das Fahrtgeräusch des ICE. Der Schlaf empfing mich mit den weichen Händen eines Königs, und ich überließ mich ihm ohne Widerstreben. Er geleitete mich durch Gänge mit flackernden Lichtern, Gänge, in denen ein ständiges Summen, Zischen und Pfeifen zu hören war und einmal das Geräusch einer mechanischen Uhr, die man aufzieht, manchmal Rascheln und Kaffeegeruch, bis ich in einen Keller gelangte, in dessen Zentrum ein großer schwarzer Ofen stand. Der ganze Raum vibrierte und ich hörte Menschen flüstern und unterdrückt lachen. Als ich nähertrat bemerkte ich, daß der Boden auf dem ich ging, nachgiebig war, als liefe ich auf den elastischen Körpern durchtrainierter junger Menschen ohne Knochen. Ich stockte, plötzlich stand ich im schmerzenden Licht eines Scheinwerfers und eine Lautsprecherstimme rief meinen Namen in den Raum und eine Nummer: 289. Der Scheinwerfer erlosch und sofort erhoben sich aus dem Dunkeln wieder die Stimmen, die flüsterten und lachten, die Ofenklappe flog auf und ich sah den Himmel davonfliegen in Weiten, von denen ich nie etwas geahnt hatte.

ICE2

fahren und schreiben — Sylvia am 12. Februar 2006  

ICE-Expreß Hannover-Heidelberg, 6 Uhr 50 ab Hannover, ein Großraumwagen, fast leer. Geruch nach Reinigungsmitteln. Ich nehme Platz. Ich hier ganz allein in diesem Fernwehsessel, die Großbildglaswand, das südliche Hannover. Ich auf der Reise, das mittelalte Pärchen am Nebentisch, BILD-Zeitung und das Goldene Blatt, Kaffee aus der Thermoskanne, unter dem Tisch berühren sich ihre Füße sehr leicht, Sandalen und Pumps, Pumps und Sandalen, Sandalen, diese gleichgültige Zweisamkeit und ich hier ganz allein und Stromdrähte wie Saiten, an denen der Zug entlangsingt, die Kleiderhaken in dem grünen Schrank mit den kleinen schräggeschnittenen Spiegeln leer, Gepäckablagen leer, wer reist schon so früh, only you und das Pärchen, lonely me und MITROPA Genuß in einem Zug in einem Zug in einem Zug, weite grüne Landschaft, schräg rechts über die Weide zuckt der Schatten der Lok, Kühe frühstücken mit gesenkten Köpfen, schwarz, Tunnel, Heimatfilm unterbrochen, im Fernsehen käme jetzt die Werbung, wo bleibt die Werbung, diese schwarzen Sehlöcher könnten sie doch nutzen für die Werbung, Licht, Punkte, Lichtpunkte, grüne Lichtpunkte, Lampen sind das, Balken, dunkle horizontale Riefen. BILD-ZEITUNG: „Ganz www: Beichten am Computer“. Kaffeeee Teee? Einen Kaffee bitte. Milch? Zucker? Milch. 5 Mark. Danke. Der Euro – stark wie die Mark. Werk Kassel ATRIUM Kassel-Wilhelmshöhe Kofferkuli gegen Pfand, PAPIER RESTMÜLL GLAS Känguruh-Möbel sb, sehr geehrte Fahrgäste, wir möchten Sie auf den Gepäckservice, sehr geehrte Fahrgäste, auch in diesem ICE-Expreß können Sie aktuelle Tageszeitungen. Ablenken, warum wollen sie einen immer ablenken, als sei das Fahren eine lästige Veranstaltung, von der man abgelenkt werden muß, als sei das Fahren nicht Ereignis genug, Kaffee und Tee und Bier und Wein und Sandwich und Video, Ohrstöpsel säuseln Klassik Pop Rapunzel, aktuelle Tageszeitungen, Verschanzungen. Wenn du so sitzt und schreibst, ab und zu aufblickst, werden sie mißtrauisch, sie beobachten dich in der Fensterscheibe, was spioniert sie da, was hat sie da zu schreiben, ist sie eine Spionin, die unser Reisen beschattet, aber wieso, wir haben nichts zu verbergen, wir sind ein anständiges Ehepaar. Sie ruckt mit dem Kopf, zupft ihren Pony gerade, schenkt ihm Kaffee nach, zeigt ihm die Illustrierte, „sowas würd‘ ich mir schon eher gefallen lassen, sowas Geschmeidiges hier, aber wo soll ich das anziehen?“ „Hm.“ Fulda Papierfabrik Raiffeisen Hessenland Eika-Kerzen Jägermeister. Jägermeister. Europcar. Fulda, da rumpelt, da schnattert er durch, Reisen im Luxuscontainer, Schotten dicht, unterkühlte geschlossene Gesellschaft, kaum Fahrgeräusche, nur dieses bronchitische Piepen beim Abfahren. Abgeschottet. Air-condition. Hält nur in wenigen Städten. Hier reist der Teppichboden kleingemustert, schräge grünrosa Rechtecke. Diese merkwürdig unentschiedenen Farben, Sitze wie Chefsessel, die Kopfkissen schlappe graue Airbags, wie viele ihren fettigen Kopf da schon abgelegt haben, Schuppen womöglich, wie hieß gleich dieses – Alpecin-forte, und er, mit diesen weißlichgrauen Placken auf den Schultern, er, der immer so gierig über seine Brille schielte und so verschämt an seinem Ring rumdrehte, stell dir mal vor der hätte hier gesessen, ih, oder ob sie die Dinger immer gleich wieder waschen, nee, glaub ich nicht, dann müßten sie ja jedes Mal, nee, gar keine Zeit, keine Zeit, wie lange halten die Züge eigentlich am Endpunkt, können sie die dann schnell austauschen, nee, das wird bestimmt nicht, bestimmt nicht nein nein, wie eklig ach schade so müde die dunklen Tunnels so langweilig so müde „Diiiie Fahrscheine bitte!“, die Sparschweine bitte, Personalwechsel, welches Schweinderl
hätten’s denn gern, der Schaffner kommt, der Robert Lemke der grinst, der ist doch tot? mit einem großen Beutel wie ein Känguruh voller rosa und blauer und gelber Schweinchen, die Fahrgäste zerren und reißen und hängen sich an seinen Rock, ein Schweinderl, ein Schweinderl, ich will ein Schweinderl, ein goldenes bitte bitte, ein goldenes mit drei goldenen Haaren wie der Engel der Rauschgoldengel an Weihnachten o bitte bitte der Rock zerreißt, die Fahrgäste weinen große glitzernde Tränen, sie werfen sich auf den Schaffner und sie rupfen an seinen Haaren, die Haare reißen ab und es schneit aus seinem Kopf, große weiße Schuppen schneit es weiß, alles weiß, die Schweinchen springen aus dem Sack und rutschen aus auf dem Schnee, sie quieken und winden sich und spucken rote Ziffern aus, die marschieren und geraten aus dem Takt, die Eins spießt die dicke Null auf, die zischt und schnurrt zusammen und wo muß ich umsteigen fragt sie noch ja und dann auf dem gleichen Bahnsteig goldene ham wir nicht so lassen Sie mich doch, so lassen Sie doch los mein Gott, Sie müssen erst die Handbewegung, Sie, vorher gibts kein Schweinderl, die Handbewegung, Sie, hallo! Hallo! Kann ich mal Ihren Sparschwein, hallo, hallo Sie. Ihren Fahrschein bitte, Personalwechsel. Ach Verzeihung, Moment, wo hab ich denn, Moment, da, Verzeihung. Entschuldigung. Bitte.

„Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Zugchef. Die Abfahrt wird sich um wenige Minuten verzögern, wir haben eine Weichenstörung.“

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