Die Geschichte von Tamar (1. Mose 38, 1-30)
Ich bin Tamar. Ich erzähle meine Geschichte, ich erzähle was geschehen
ist zu einer Zeit, die lang vergangen ist, seit tausenden von Jahren.
Ich bin Tamar, das heisst: die Fruchtbare. Die Fruchtbare. Vielleicht war das
der Grund, warum Juda mich ausgesucht hat. Juda wollte mich als Frau für seinen Sohn, Er. Für seinen erstgeborenen Sohn.
Ich kannte Juda nicht. Ich kannte auch seinen Sohn Er nicht.
Aber ich ging mit Juda. Meine Eltern haben gesagt: Geh mit ihm. Du sollst seine Schwiegertochter werden. Und ich – ich ging. So war das eben damals.
Ich ging in die Fremde, in eine ganz andere Familie. In ein ganz anderes Leben. Fremde Gesichter, fremde Gerüche, fremde Gebräuche. Ein Mann, den ich nie gesehen hatte. Und ich sollte ihn heiraten. Ach, mir war ganz schön bange. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken: Wie das alles wohl wird? Ist er nett? Ist er schön und gesund und gerade gewachsen? Oder ist er ein Widerling, einer, bei dem es einen schon beim Anschauen graust? Ein grober Hanswurst, der nicht weiss, was sich gehört?
Ich lernte die Familie kennen: meine Schwiegermutter, die beiden anderen Söhne, Onan und Schedar, der noch ein kleiner Junge war. Und die ganze Verwandschaft. Mir wurde ganz schwindelig von all den neuen Namen. Und natürlich meinen Mann: Er. Wir haben geheiratet und ich hatte gerade angefangen, mich ein wenig an ihn zu gewöhnen und mich einzuleben – da starb er. Es herrschte große Aufregung, alle weinten und jammerten und betrauerten ihn. Und ich bekam einen großen Schreck: Was sollte nun aus mir werden? Ohne Mann? Ohne Kind, ohne einen Sohn? Hätte ich einen Sohn von Er gehabt – dann wäre alles ganz anders gewesen. Einen Sohn zu haben hätte bedeutet, dass ich im Alter versorgt gewesen wäre. Denn ein Sohn hätte das Erbe von Er antreten können. So waren die Gesetze. Aber ich hatte keinen Sohn! Ich, die Fruchtbare. Dafür konnte ich nichts. Wir waren doch gerade erst verheiratet worden! Und trotzdem – es gab viele scheele Blicke.
Aber Juda hatte sich schon etwas ausgedacht. Er befahl Onan, seine Pflicht zu tun. Seine Pflicht als Schwager. Können Sie sich denken, was das bedeutete?
Nein? Ich will es Ihnen sagen: Onan sollte mit mir schlafen. Ich sollte seinen Samen in mich aufnehmen, damit ich einen Sohn bekommen konnte. So war das eben. Mir war ganz elend. Aber ich hatte solche Angst vor der Zukunft – ich stimmte zu. Auch Onan sagte seinem Vater: Ist gut, ich werde meine Pflicht erfüllen. In Wirklichkeit tat er nur so. Er nahm mich, aber er gab mir seinen Samen nicht. Er liess ihn auf die Erde tropfen, grinste hämisch und verschwand.
Ein widerlicher Feigling! Er hätte sich ja auch weigern können – aber dann hätte er vor seinem Vater ganz schlecht dagestanden. Statt dessen war ich es, die schlecht da stand. Alle warteten und lauerten und beobachteten mich: Na, ist sie schwanger? Wann sieht man denn endlich was? Es war eine schreckliche Zeit. Und als klar wurde, dass ich nicht schwanger geworden war, gaben sie mir die Schuld! Sie konnten ja nicht wissen, was Onan für ein mieser Halunke war. Ha – Tamar, die Fruchtbare. Wie lächerlich! Eine taube Nuss ist sie! So hörte ich sie tuscheln.
Kurze Zeit darauf starb dann auch Onan ganz plötzlich. Ich war immer noch stockwütend auf ihn und dachte: Geschieht ihm recht! Vielleicht hat man mir das angemerkt – vielleicht auch nicht. Aber die Menschen um mich herum behandelten mich plötzlich wie eine Aussätzige. Sie mieden meine Gesellschaft,
warfen mir scheele Blicke zu und tuschelten hinter meinem Rücken. Besonders
finster schaute Juda zu mir herüber, wenn er mich sah. Mir wurde ganz mulmig.
Eigentlich hätte er jetzt beschließen müssen, was mit mir werden sollte.
Aber er ließ sich Zeit damit. Er starrte nur die ganze Zeit böse zu mir herüber.
Ich wartete. Er hätte mich frei geben können – dann hätte ich wieder heiraten können. Und ich war ja noch jung, so jung. Ich hätte woanders noch mal von vorn anfangen können. Aber nein, das tat er nicht! Wollen Sie wissen, was er tat? Er schickte mich weg! Er sagte zu mir: “Geh zurück in das Haus Deines Vaters! Wenn mein Sohn Schela erwachsen ist, kann er die Schwagerpflicht an Dir erfüllen!” Es war, als hätte er mich geschlagen. Das wollte er mir antun? Ich sollte so lange die Witwenkleider tragen? So lange unter diesen verflixten Gewändern verborgen bleiben, bis der kleine Junge erwachsen war? Und wieder bei meinen Eltern leben? Die waren doch ganz froh gewesen, mich so gut untergebracht zu haben! Am liebsten hätte ich ihm meine
Wut ins Gesicht geschrieen, ihn geschüttelt und geschlagen -aber das gehörte sich nicht. Und ich hätte es auch gar nicht geschafft, denn ich war wie gelähmt.
Und ich ging, wieder mal weg geschickt. Und ich lebte wieder bei meinen Eltern. Ich lebte, ja ich lebte. Wenn man das Leben nennen kann. Ich fühlte mich schwer, schwer wie ein Stein. Versteinert. Weggesperrt. Eingesperrt in meinen Gewändern. Tamar, die Unfruchtbare, Tamar, die Unsichtbare. Tamar: Lebendig begraben.
Es gab jemanden, der mir erzählte, was sich im Hause Juda so tat. Ich blieb auf dem Laufenden.
Ich wusste, das Judas Frau gestorben war. Und ich wusste, dass Schela inzwischen erwachsen war. Und ich hatte gewartet. Ich hatte so lange gewartet. Ah, und wie ich gewartet habe, endlich gerufen zu werden, damit Schela seine
Schwagerpflicht an mir erfüllt.
Aber es geschah – nichts. Jetzt war ich dazu verurteilt, mein Leben lang diese Witwenkleider mit mir herumzuschleppen und langsam zu vertrocknen. Ich weinte viel zu dieser Zeit.
Doch eines Tages erhielt ich die Nachricht: “Du, Tamar! Hast Du schon gehört? Dein Schwiegervater ist auf dem Weg in den Nachbarort. Dort will er seine Schafe scheren lassen.” Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Langsam ging ich nach Hause und setzte mich. Und ich dachte nach. Mein Herz klopfte gegen meine Rippen, als wollte es sie kaputt brechen. Wie ein Vogel, der gegen seine Käfigstäbe hämmert. Ein großer Vogel, ein starker Vogel, der sich bald schon befreit haben wird. Langsam stand ich auf, ging in meine Kammer und legte den ersten Schleier ab. Das Witwenkleid flog von mir, Stück für Stück warf ich es auf den Boden. Nackt war ich und fühlte mich stark und frei. Ich wusch mich, salbte mich ein mit einem duftenden Öl und zog schöne Kleider an. Ah, die Farbe! Endlich wieder Farbe! Aber es sollte mich keiner erkennen, vor allem Juda nicht. So hüllte ich mich erneut in einen Schleier, in einen duftenden funkelnden Schleier, wie ihn gewisse Frauen tragen. Und ich lief hinaus und setzte mich an die Straße.
Und da sah ich ihn kommen – meinen Schwiegervater. Ich sah seine Augen blitzen, als er mich sah. Und er merkte nicht, wen er da so feurig anschaute.
“Los, komm, mach schon!” sagte er zu mir. “Los, mach, ich will zu Dir kommen!” Er dachte wohl, ich wäre eine von diesen Frauen. Und ich dachte:
“Na warte!’” Und ich sagte: “Was gibst Du mir dafür, wenn ich Dich zu mir kommen lasse?” “Ein Ziegenböcklein aus meiner Herde schicke ich Dir!”
erwiderte er und wollte meine Hand nehmen. Ich entzog sie ihm und fragte:
“Nun – das wird wohl ein Weilchen dauern. Was gibst Du mir denn als Pfand, bis ich’s bekomme?” “Was für ein Pfand möchtest Du denn von mir haben?”
Nun – er war wirklich sehr ungeduldig. “Also gut”, sagte ich zu ihm, “gib mir deinen Siegelring, deine Schnur und deinen Stab.” Hastig gab er mir alles, was ich verlangte und er nahm mich, besaß mich und ging dann davon. Auch ich ging davon. Und ich legte meine bunten Kleider und den schönen Schleier ab und schlüpfte wieder in meine alten, sperrigen Witwenkleider. Und wartete. Nach einer Weile kam ein Mann ins Dorf und wollte das Ziegenböcklein abliefern. Überall fragte und suchte er nach der käuflichen Frau, zu der er es bringen sollte, um die Pfänder für seinen Herrn wieder auszulösen. Aber er fand keine käufliche Frau, und alle sagten ihm: “Hör zu, wir haben gehört, was Du suchst, aber eine solche Frau gibt es hier nicht!” Er hat das Juda berichtet, und der sagte: “Ach, weißt du was, soll sie die Pfänder behalten. Ich habe keine Lust, Aufsehen zu erregen und mich zum Gespött zu machen.” Und ich wartete. Drei lange Monate, bis ich sicher war. Und dann wusste ich es ganz genau: Ich war schwanger. Und das wurde Juda hinterbracht. Meine Freundin, die mir auch bisher alles aus seinem Hause berichtet hatte, hat es mir erzählt. “He, Juda”, sagten die Leute zu ihm, “He Juda! Du hast ja eine tolle Schwiegertochter, eine Hure ist sie, und nun ist sie auch noch schwanger geworden von ihrer Hurerei!”
Juda hat das ganze Haus zusammengebrüllt. Getobt und geschrieen hat er, mit dem Fuß aufgestampft. “Los, macht euch auf den Weg, holt sie her! Verbrannt soll sie werden!” Na, Sie können sich denken, dass es mir gar nicht wohl war.
Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt. Ich musste es tun. Aber ich konnte ja vorher nicht wissen, wie alles ausgehen würde. Ich zitterte. Als man mich zu ihm führte, zeigte ich ihm alles, was er mir vorher gegeben hatte als Pfand:
Seinen Siegelring. Seine Schnur. Seinen Stab. Und ich sagte zu ihm: “Von dem Mann, der mir das gegeben hat, bin ich schwanger.” Mein Herz klopfte wieder so wild in meiner Brust, dass man es fast hören konnte. Was würde er tun?
Würde er mich beschimpfen und dann verbrennen lassen? Ich schaute ihn an.
Es war, als würden Sonne, Wolken, Regen, Gewitter und gleich wieder Sonne in seinem Gesicht gespiegelt. Er schaute mich an. Und er konnte nichts sagen.
Unendlich lang blieb es still zwischen uns. Die Leute hielten den Atem an.
Was würde geschehen? Er räusperte sich, zog die Schultern hoch, stellte sich dann gerade hin und sagte: “Tamar. Das sind meine Sachen. Ich erkenne sie wieder. Und ich muss Dir sagen: Du hast gerecht gehandelt im Verhältnis zu mir. Ich habe Dir nichts vorzuwerfen. Ich habe Dir meinen Sohn Schela nicht gegeben, obwohl ich es versprochen habe.” Und er schaute mich noch einmal an und ging dann seiner Wege. Ich war erleichtert. Und ich war froh! Ich würde ein Kind haben. Als es so weit war stellte sich heraus: es waren sogar Zwillinge, zwei schöne Jungen. Und wir nannten sie “Perez” und “Serach”.