SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

café kuckucksnest

Geschichten,Tagebuch — Sylvia am 2. Mai 2017  

am nebentisch sitzt eine frau, schaut aus dem fenster und knibbelt an ihren fingernägeln. eine zweite frau kommt rein, fragt: „darf ich mich dazu setzen?“. „ja, ist ja alles frei.“ sie schweigen beide sehr lange, eine schaut hier hin, die andere dort. dann kommt ein gespräch in gang:

1  darf ich sie mal was fragen?

2  ja, was denn?

1  können sie mir nen strumpf geben?

2  nee.

1  wieso nicht?

2  nee, hab selbst nur zwei.

1  scheisse. so’n mist.

dann schweigen sie wieder und schauen versonnen vor sich hin.

nach dem chor

Geschichten,Tagebuch — Sylvia am 19. Mai 2015  

…steige ich nicht am Kröpcke um. ich kaufe mir am bahnhof eine kugel vanilleeis, gehe über den bahnhofsvorplatz und stehe bald vor drei schwarzgekleideten menschen, die musik machen. dudelsack, große trommel, schellenkranz. klingt gut, nach mittelalter, geht in die beine. eine frau um die 50, orangenes käppi, orangene weste, hohe stiefel, tanzt dazu, kippe in der hand und leicht beduselt. drei wischmoppförmige spitznasige hunde bellen ab und zu dazwischen. hinter dem bahnhofsdach ragt der fernsehturm in den neonhimmel, seine zwei riesenaugen mit dem VW-logo wirken leicht panisch. in der straßenbahn höre ich, dass ich weder an der Schlägerstraße noch an der Geibelstraße aussteigen darf, muss ich zum glück auch nicht. es gibt eine bombenräumung. kampfmittelbeseitigung lese ich auf dem bildschirm. die bahn rollt langsam durch die zwei stationen. security-leute stehen breitbeinig auf den bahnsteigen. gespenstisch. ich smse meinen bruder an. alles ok schreibt er, wir dürfen in der wohnung bleiben. 31.000 andere südstädter werden evakuiert. hängen jetzt in schnell hergerichteten sporthallen und ähnlichen notfallquartieren herum. bald fangen sie mit der bombenentschärfung an. hoffentlich geht alles gut.

experimente I.

Geschichten,Tagebuch — Sylvia am 18. Mai 2015  

einmal stand ich still in einer ecke des großen flughafengebäudes in münchen. unauffällig gekleidet, schwarze jeans, rolli, turnschuhe. nur meine nase war verkleidet. für eine gute halbe stunde hatte ich sie in eine rote schaumstoffkugel gesteckt. menschen gingen an mir vorbei, allein, in pulks, hastig, schlendernd, versonnen, hektisch. niemand sah mich. doch, ein kind schaute, zeigte, quiekte. die mutter zog, den blick stur geradeaus, ungeduldig an dem kleinen dünnen ärmchen. das kind ließ sich ziehen, blickte immer wieder zurück. einmal winkte es. eine frau mit wilden grauen locken guckte, blieb stehen, hände auf den hüften, sagte „MEI!“, lachte und ging weiter. das wars. kein aufsehens. kein tumult. keine polizei. ich nahm den schaumstoffball von meiner nase und ließ ihn in der hosentasche verschwinden. dann ging ich ein weissbier trinken.

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