SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Die Geschichte von Tamar (1. Mose 38, 1-30)

Geschichten — Sylvia am 9. Juni 2007 um 12:53  

Ich bin Tamar. Ich erzähle meine Geschichte, ich erzähle was geschehen
ist zu einer Zeit, die lang vergangen ist, seit tausenden von Jahren.

Ich bin Tamar, das heisst: die Fruchtbare. Die Fruchtbare. Vielleicht war das
der Grund, warum Juda mich ausgesucht hat. Juda wollte mich als Frau für seinen Sohn, Er. Für seinen erstgeborenen Sohn.
Ich kannte Juda nicht. Ich kannte auch seinen Sohn Er nicht.
Aber ich ging mit Juda. Meine Eltern haben gesagt: Geh mit ihm. Du sollst seine Schwiegertochter werden. Und ich – ich ging. So war das eben damals.
Ich ging in die Fremde, in eine ganz andere Familie. In ein ganz anderes Leben. Fremde Gesichter, fremde Gerüche, fremde Gebräuche. Ein Mann, den ich nie gesehen hatte. Und ich sollte ihn heiraten. Ach, mir war ganz schön bange. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken: Wie das alles wohl wird? Ist er nett? Ist er schön und gesund und gerade gewachsen? Oder ist er ein Widerling, einer, bei dem es einen schon beim Anschauen graust? Ein grober Hanswurst, der nicht weiss, was sich gehört?

Ich lernte die Familie kennen: meine Schwiegermutter, die beiden anderen Söhne, Onan und Schedar, der noch ein kleiner Junge war. Und die ganze Verwandschaft. Mir wurde ganz schwindelig von all den neuen Namen. Und natürlich meinen Mann: Er. Wir haben geheiratet und ich hatte gerade angefangen, mich ein wenig an ihn zu gewöhnen und mich einzuleben – da starb er. Es herrschte große Aufregung, alle weinten und jammerten und betrauerten ihn. Und ich bekam einen großen Schreck: Was sollte nun aus mir werden? Ohne Mann? Ohne Kind, ohne einen Sohn? Hätte ich einen Sohn von Er gehabt – dann wäre alles ganz anders gewesen. Einen Sohn zu haben hätte bedeutet, dass ich im Alter versorgt gewesen wäre. Denn ein Sohn hätte das Erbe von Er antreten können. So waren die Gesetze. Aber ich hatte keinen Sohn! Ich, die Fruchtbare. Dafür konnte ich nichts. Wir waren doch gerade erst verheiratet worden! Und trotzdem – es gab viele scheele Blicke.

Aber Juda hatte sich schon etwas ausgedacht. Er befahl Onan, seine Pflicht zu tun. Seine Pflicht als Schwager. Können Sie sich denken, was das bedeutete?
Nein? Ich will es Ihnen sagen: Onan sollte mit mir schlafen. Ich sollte seinen Samen in mich aufnehmen, damit ich einen Sohn bekommen konnte. So war das eben. Mir war ganz elend. Aber ich hatte solche Angst vor der Zukunft – ich stimmte zu. Auch Onan sagte seinem Vater: Ist gut, ich werde meine Pflicht erfüllen. In Wirklichkeit tat er nur so. Er nahm mich, aber er gab mir seinen Samen nicht. Er liess ihn auf die Erde tropfen, grinste hämisch und verschwand.
Ein widerlicher Feigling! Er hätte sich ja auch weigern können – aber dann hätte er vor seinem Vater ganz schlecht dagestanden. Statt dessen war ich es, die schlecht da stand. Alle warteten und lauerten und beobachteten mich: Na, ist sie schwanger? Wann sieht man denn endlich was? Es war eine schreckliche Zeit. Und als klar wurde, dass ich nicht schwanger geworden war, gaben sie mir die Schuld! Sie konnten ja nicht wissen, was Onan für ein mieser Halunke war. Ha – Tamar, die Fruchtbare. Wie lächerlich! Eine taube Nuss ist sie! So hörte ich sie tuscheln.

Kurze Zeit darauf starb dann auch Onan ganz plötzlich. Ich war immer noch stockwütend auf ihn und dachte: Geschieht ihm recht! Vielleicht hat man mir das angemerkt – vielleicht auch nicht. Aber die Menschen um mich herum behandelten mich plötzlich wie eine Aussätzige. Sie mieden meine Gesellschaft,
warfen mir scheele Blicke zu und tuschelten hinter meinem Rücken. Besonders
finster schaute Juda zu mir herüber, wenn er mich sah. Mir wurde ganz mulmig.
Eigentlich hätte er jetzt beschließen müssen, was mit mir werden sollte.
Aber er ließ sich Zeit damit. Er starrte nur die ganze Zeit böse zu mir herüber.
Ich wartete. Er hätte mich frei geben können – dann hätte ich wieder heiraten können. Und ich war ja noch jung, so jung. Ich hätte woanders noch mal von vorn anfangen können. Aber nein, das tat er nicht! Wollen Sie wissen, was er tat? Er schickte mich weg! Er sagte zu mir: “Geh zurück in das Haus Deines Vaters! Wenn mein Sohn Schela erwachsen ist, kann er die Schwagerpflicht an Dir erfüllen!” Es war, als hätte er mich geschlagen. Das wollte er mir antun? Ich sollte so lange die Witwenkleider tragen? So lange unter diesen verflixten Gewändern verborgen bleiben, bis der kleine Junge erwachsen war? Und wieder bei meinen Eltern leben? Die waren doch ganz froh gewesen, mich so gut untergebracht zu haben! Am liebsten hätte ich ihm meine
Wut ins Gesicht geschrieen, ihn geschüttelt und geschlagen -aber das gehörte sich nicht. Und ich hätte es auch gar nicht geschafft, denn ich war wie gelähmt.

Und ich ging, wieder mal weg geschickt. Und ich lebte wieder bei meinen Eltern. Ich lebte, ja ich lebte. Wenn man das Leben nennen kann. Ich fühlte mich schwer, schwer wie ein Stein. Versteinert. Weggesperrt. Eingesperrt in meinen Gewändern. Tamar, die Unfruchtbare, Tamar, die Unsichtbare. Tamar: Lebendig begraben.

Es gab jemanden, der mir erzählte, was sich im Hause Juda so tat. Ich blieb auf dem Laufenden.
Ich wusste, das Judas Frau gestorben war. Und ich wusste, dass Schela inzwischen erwachsen war. Und ich hatte gewartet. Ich hatte so lange gewartet. Ah, und wie ich gewartet habe, endlich gerufen zu werden, damit Schela seine
Schwagerpflicht an mir erfüllt.
Aber es geschah – nichts. Jetzt war ich dazu verurteilt, mein Leben lang diese Witwenkleider mit mir herumzuschleppen und langsam zu vertrocknen. Ich weinte viel zu dieser Zeit.

Doch eines Tages erhielt ich die Nachricht: “Du, Tamar! Hast Du schon gehört? Dein Schwiegervater ist auf dem Weg in den Nachbarort. Dort will er seine Schafe scheren lassen.” Ich stand da, wie vom Blitz getroffen. Langsam ging ich nach Hause und setzte mich. Und ich dachte nach. Mein Herz klopfte gegen meine Rippen, als wollte es sie kaputt brechen. Wie ein Vogel, der gegen seine Käfigstäbe hämmert. Ein großer Vogel, ein starker Vogel, der sich bald schon befreit haben wird. Langsam stand ich auf, ging in meine Kammer und legte den ersten Schleier ab. Das Witwenkleid flog von mir, Stück für Stück warf ich es auf den Boden. Nackt war ich und fühlte mich stark und frei. Ich wusch mich, salbte mich ein mit einem duftenden Öl und zog schöne Kleider an. Ah, die Farbe! Endlich wieder Farbe! Aber es sollte mich keiner erkennen, vor allem Juda nicht. So hüllte ich mich erneut in einen Schleier, in einen duftenden funkelnden Schleier, wie ihn gewisse Frauen tragen. Und ich lief hinaus und setzte mich an die Straße.

Und da sah ich ihn kommen – meinen Schwiegervater. Ich sah seine Augen blitzen, als er mich sah. Und er merkte nicht, wen er da so feurig anschaute.
“Los, komm, mach schon!” sagte er zu mir. “Los, mach, ich will zu Dir kommen!” Er dachte wohl, ich wäre eine von diesen Frauen. Und ich dachte:
“Na warte!’” Und ich sagte: “Was gibst Du mir dafür, wenn ich Dich zu mir kommen lasse?” “Ein Ziegenböcklein aus meiner Herde schicke ich Dir!”
erwiderte er und wollte meine Hand nehmen. Ich entzog sie ihm und fragte:
“Nun – das wird wohl ein Weilchen dauern. Was gibst Du mir denn als Pfand, bis ich’s bekomme?” “Was für ein Pfand möchtest Du denn von mir haben?”
Nun – er war wirklich sehr ungeduldig. “Also gut”, sagte ich zu ihm, “gib mir deinen Siegelring, deine Schnur und deinen Stab.” Hastig gab er mir alles, was ich verlangte und er nahm mich, besaß mich und ging dann davon. Auch ich ging davon. Und ich legte meine bunten Kleider und den schönen Schleier ab und schlüpfte wieder in meine alten, sperrigen Witwenkleider. Und wartete. Nach einer Weile kam ein Mann ins Dorf und wollte das Ziegenböcklein abliefern. Überall fragte und suchte er nach der käuflichen Frau, zu der er es bringen sollte, um die Pfänder für seinen Herrn wieder auszulösen. Aber er fand keine käufliche Frau, und alle sagten ihm: “Hör zu, wir haben gehört, was Du suchst, aber eine solche Frau gibt es hier nicht!” Er hat das Juda berichtet, und der sagte: “Ach, weißt du was, soll sie die Pfänder behalten. Ich habe keine Lust, Aufsehen zu erregen und mich zum Gespött zu machen.” Und ich wartete. Drei lange Monate, bis ich sicher war. Und dann wusste ich es ganz genau: Ich war schwanger. Und das wurde Juda hinterbracht. Meine Freundin, die mir auch bisher alles aus seinem Hause berichtet hatte, hat es mir erzählt. “He, Juda”, sagten die Leute zu ihm, “He Juda! Du hast ja eine tolle Schwiegertochter, eine Hure ist sie, und nun ist sie auch noch schwanger geworden von ihrer Hurerei!”
Juda hat das ganze Haus zusammengebrüllt. Getobt und geschrieen hat er, mit dem Fuß aufgestampft. “Los, macht euch auf den Weg, holt sie her! Verbrannt soll sie werden!” Na, Sie können sich denken, dass es mir gar nicht wohl war.
Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt. Ich musste es tun. Aber ich konnte ja vorher nicht wissen, wie alles ausgehen würde. Ich zitterte. Als man mich zu ihm führte, zeigte ich ihm alles, was er mir vorher gegeben hatte als Pfand:
Seinen Siegelring. Seine Schnur. Seinen Stab. Und ich sagte zu ihm: “Von dem Mann, der mir das gegeben hat, bin ich schwanger.” Mein Herz klopfte wieder so wild in meiner Brust, dass man es fast hören konnte. Was würde er tun?
Würde er mich beschimpfen und dann verbrennen lassen? Ich schaute ihn an.
Es war, als würden Sonne, Wolken, Regen, Gewitter und gleich wieder Sonne in seinem Gesicht gespiegelt. Er schaute mich an. Und er konnte nichts sagen.
Unendlich lang blieb es still zwischen uns. Die Leute hielten den Atem an.
Was würde geschehen? Er räusperte sich, zog die Schultern hoch, stellte sich dann gerade hin und sagte: “Tamar. Das sind meine Sachen. Ich erkenne sie wieder. Und ich muss Dir sagen: Du hast gerecht gehandelt im Verhältnis zu mir. Ich habe Dir nichts vorzuwerfen. Ich habe Dir meinen Sohn Schela nicht gegeben, obwohl ich es versprochen habe.” Und er schaute mich noch einmal an und ging dann seiner Wege. Ich war erleichtert. Und ich war froh! Ich würde ein Kind haben. Als es so weit war stellte sich heraus: es waren sogar Zwillinge, zwei schöne Jungen. Und wir nannten sie “Perez” und “Serach”.

Blaumann

Geschichten — Sylvia am 26. Februar 2006 um 18:25  

Du traust dich ja doch nicht, traust dich nicht, traust dich nicht! Sie knüpft eine Schlinge in den weißen Zwirnsfaden und legt sie um den Zahn. Langsam schließt sie die Augen, zupft am Faden, noch einmal, noch einmal. Der Faden zittert, sirrt leise, es summt in den Kopf hinein, der Zahn bleibt im Mund. An die Türklinke, den Faden mußt du an die Türklinke binden, dann mit einem Ruck die Tür zuschlagen, hat ihr Bruder gesagt, aber du traust dich ja doch nicht.

Sie entfernt die Schlinge vom Zahn und wirft den Faden auf den Boden. Sie läuft aus dem Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu. Sie rennt davon, rennt die Straße entlang zu den Bahngeleisen, wird er da sein, man weiß nie genau, wann er kommt, man spürt es vielleicht, wenn es soweit ist, aber genau weiß man es nie. Heut vielleicht, heut vielleicht, heut vielleicht. Sie rennt nicht mehr, sie hüpft, sie summt, die Haare fliegen. Ein plötzliches Glück, ein warmer Knall im Bauch wenn man zur richtigen Zeit ankommt und die Lok wie ein grüner rauchender Drache um die Kurve biegt.

Sie steht und schaut. Die Gleise, still funkelnd in der Sonne, die grauen Steine zwischen den Schwellen staubig und fleckig von Öl. Sie kickt einen Stein zur Seite, rupft ein Büschel wisperndes gelbes Gras, lauscht. Sie kniet sich hin, räumt Steine beiseite, Schicht um Schicht, bis sie das Kästchen findet, ihren Schatz, ihr Geheimnis. Kostbare Dinge, Münzen, eine blasse schuppige Hühnerkralle, Bonbons in grünem Papier, zwei kleine Zähne wie Perlen. Perlen und Geschmeide einer Prinzessin. Geschmeide, flüstert sie. Perlen und Gold und Geschmeide für die Prinzessin. Sie nimmt ein Bonbon, schließt rasch den Deckel, begräbt das Kästchen, verwischt alle Spuren. Sie wählt einen Stein aus dem Gleisbett, legt ihn auf die Schiene und geht.

Kathi komm, Kathi mach hin, Kathi, Kathi, mach deine Hausaufgaben. Ka-tha-ri-na! Katharina heiß’ ich. Kathikathikathi! Sei still! Sie funkelt, sprüht Zornesblitze, drohend wie die dreizehnte Fee. Heftig zieht sie die Feder über das Blatt, blaue Tinte spritzt, dicke Flecken, kleine Seen. Königsblau hat die Mutter gesagt, königsblau ist das, königsblau. Königsblaue Kleckse, sie pustet in die Kleckse, königsblaue Linien eilen durch das Weiß, sie dreht das Heft, pustet, königsblaue Linien kreuz und quer, feine Risse, aus denen Gestalten klettern, Gesichter, die Geschichten erzählen, Geschichten vom königsblauen Ritter, der reitet auf dem grünen Feuerdrachen, der sucht seine Prinzessin und kann sie nicht finden, kann seine Prinzessin nicht finden, weil er nicht weiß, welche die richtige ist. Weil sie nicht weiß, welches Geheimzeichen sie benutzen muß, damit er sie erkennt. Sie weiß, er ahnt, daß sie es ist, aber sie muß ihm das Zeichen geben, das richtige Zeichen, ruckediguh, kein Blut ist im Schuh.

Sie hat es noch nicht gefunden. Nie ist es das Richtige. Immer fährt er vorbei, nie hält er an, um sie mitzunehmen, nie. Ja, er winkt, er lacht, dieses Lachen, dieses helle Blitzen aus dem Ruß in seinem Gesicht, seine Augen wie blaue Glasmurmeln, wie die Murmeln mit dem höchsten Wert beim Spiel. Na, Kleine? Ein Bonbon kommt geflogen, ein Bonbon in grünem Papier. Manchmal ein Groschen, da, fang, Kleine. Na Kleine da fang Kleine. Kleinekleinekleine! Sie schlägt mit der flachen Hand auf das Blatt, blaue Tröpfchen spritzen kühl in ihr Gesicht. Ferkel, altes Ferkel. Jetzt sieh dich an. Pfui Teufel. Blaue Hände, blaues Gesicht, blaue Sprenkel zwischen den roten und gelben Rosen auf ihrem Kleid. Die blaue Prinzessin. Alles muß jetzt immer blau sein, die Einbände ihrer Schulhefte, nein, nicht dieses Blau, königsblau, das ist dunkler, viel dunkler! Der wwwe Pullover, der wwwe Schlafanzug. Blau blau blau sind alle meine Kleider, blau blau blau ist alles was ich hab, darum lieb ich alles was so blau ist, weil mein Schatz ein Blaumann ist. Sie kichert, keucht, krümmt sich, hustet, Blaumann, Blaumann mit Ruß im Gesicht. Sie kichert, keucht, hustet, bis ihr die Tränen in die Augen schießen, bis sie kichert und heult in einem, bis es sie schüttelt wie in der Achterbahn, wenn sie von ganz oben in die Tiefe donnert.

Richtig süß ist das Bonbon nicht, mehr scharf und süß zugleich. Wenn man tief atmet, ist es wie Eiswind da drin, wie Schnee. Sie sitzt in ihrem Versteck in der Abseite, den Kopf auf den Knien, läßt den splittrigen Klumpen langsam im Mund zergehen. Eiswind im Sommer, scharf und süß. Da, Kleine. Sie schließt die Augen, sieht ihn lachen, winken, schon vorüber, immer so schnell vorüber, das Zeichen, welches ist das Zeichen?

Sie nimmt ihr Messer, zieht einen frischen Block aus dem Stapel gelber Kernseife, die unter den Dachsparren lagert und beginnt zu schnitzen. Eine Katze hat sie schon fertig, einen Fisch, einen Vogel. Behutsam schabt sie Span um Span aus dem Block, legt einen Kopf frei, arbeitet den Rumpf, die Arme und Beine heraus, glättet die Kanten. Sie holt ihren Tuschkasten, spuckt in den Napf mit dem Königsblau und bemalt die Figur, rückt sie zum Trocknen in den Streifen Sonnenlicht, der schräg durch die Dachritzen fällt. Das Zeichen, das soll das Zeichen sein, das schenk ich ihm, bald.

Sonntags geht sie zum Konditor, Eis holen zum Nachtisch, die Glasschüssel im Einkaufsnetz. Da sieht sie ihn sitzen, fremd in seinem weißen Hemd, an dem kleinen Tisch gleich neben dem Eingang. Sie steht und starrt, er bemerkt sie nicht. Er flüstert mit einer, die da nicht hingehört. Mit einer, die Dauerwellen hat und rotlackierte Nägel. Die an einer Zigarette zieht, die den Kopf zurückwirft und lacht, die ihre Hand auf seinen Arm legt. Die ihn auf den Hals küßt.

Zehn Kugeln, bitte, sagt sie, Schoko und Vanille, ja, Sahne auch, ja. Sie zahlt und geht hinaus, die Schüssel schlägt gegen ihr Bein bei jedem Schritt. Auf der Stufe vor dem Haus gegenüber sitzt sie und wartet, knipst den Schorf von ihrem Knie und wartet.

Sie folgt ihnen, folgt ihnen den ganzen Weg, schlau und geschickt, wie Indianer, drückt sich in Hauseingänge, duckt sich hinter Büsche. Er hat seinen Arm um die gelegt, sie gehen eng beieinander, ihr Kopf an seiner Schulter. Die Falsche! will sie rufen, das gilt nicht, das ist die Falsche! Sie bleiben stehen und küssen sich, da dreht sie sich um und rennt davon, die Schüssel schlägt gegen ihr Bein bei jedem Schritt, das flüssige Eis schwappt über und rinnt ihr in die Kniekehle, eklig, wie das klebt, eklig.

In der Abseite sitzt sie und starrt auf die flirrenden Staubteilchen, die die blaue Figur umtanzen. Sie beißt sich auf den Finger, fest, ganz tief, bis es wehtut, bis ihre Zähne ein regelmäßiges blaurotes Muster hineingeprägt haben. Der lose Zahn knickt weg und hängt am seidenen Fädchen, ein wenig Blut, ein Ruck und er ist draußen, Türklinke, brauch ich nicht, Quatsch, Türklinke. Den kleinen weißen Zahn wirft sie in die finsterste Ecke, die blaue Figur gleich hinterher.

Die Gleise, still funkelnd in der Sonne, die grauen Steine zwischen den Schwellen staubig und fleckig von Öl. Der Stein von wwwlich ist zu Pulver geworden, die großen Eisenräder haben ihn fein gemahlen. Sie pustet hinein, bis nur noch ein zarter Schatten übrig ist. Sie gräbt ihr Kästchen aus, verstreut den Inhalt, sammelt alles wieder ein. Sie spielt mit den Steinen zwischen den Gleisen, singt leise das Lied, blaublaublau, hört von Weitem die Lok, die Schienen summen, blaublaublau, die Schienen vibrieren, es rumpelt heran, sie spielt, sie singt, sie hört das Pfeifen der Lok, verhalten, bald immer drängender, sie spürt das Beben der Geleise, blickt hoch, steht auf und schaut ihr ruhig entgegen, wartet, bis es fast zu spät ist, wartet und springt rasch beiseite. Das Quietschen der Bremsen, die fauchende Lok kreischt, ruckt, steht endlich still wie erschöpft. Er springt aus dem Führerhaus, kommt auf sie zu, wie klein er ist, wie klein. Mit der flachen Hand schlägt er ihr ins Gesicht, dummes Gör, bist du verrückt geworden? Der brennende Fleck auf ihrer Wange wächst, wächst in sie hinein, heiß ist ihr, glühheiß, Blaumann, blöder Blaumann. Sie lacht ihn aus, lacht ihm laut ins Gesicht, tschüß, Blaumann. Sie dreht sich um, sie geht davon, das Geräusch der Räder der anfahrenden Lok hört sie nicht mehr.

Das Märchen von Einar

Geschichten — Sylvia am 25. Februar 2006 um 18:27  

Da war ein Land, in dem es nie dunkel wurde. Tag und Nacht hatten weder Anfang noch Ende, flossen im Gleichmaß ineinander, da war kein Unterschied. Man brauchte nicht Sonne, nicht Mond, noch Sterne, denn ihr Licht war viel zu schwach, um das Land zu erhellen. Längst war vergessen, daß es derlei Gestirne überhaupt je gegeben hatte, so hell und unendlich wandelbar war das Mächtige Scheinen, das die Menschen selbst geschaffen hatten. Dieses Scheinen durchpulste das ganze Land, die Städte, Straßen, Häuser und die Herzen der Menschen.

Es war die Zeit, als das Begehren Oberstes Gesetz wurde. Es war aber ganz leicht, das Gesetz zu befolgen. Denn da war ja das Mächtige Scheinen. Auf Schritt und Tritt war es bei den Menschen und zeigte ihnen, wie. Das Mächtige Scheinen war nicht stumm, es hatte eine Stimme, nein, viele Stimmen, und es konnte jede Gestalt annehmen, die man sich nur denken kann. In den Straßen schrie es von den hohen Häuserwänden, von jedem Dach herunter; in den Geschäften zirpte es sanft und eindringlich, in den Häusern tönte es bunt aus der gläsernen Wand, die in jeder Wohnung war. So war es immer da, um den Menschen bei der Einhaltung des Obersten Gesetzes zu helfen. Es sandte ihnen Tag und Nacht Zeichen, einen unendlichen Strom bunter Bilder und Botschaften, die jeder verstehen konnte, speiste Augen und Ohren unaufhörlich mit süßen Köstlichkeiten, die das Begehren wachhielten. Wunderbare Dinge gab es zu betrachten, unglaubliche Klänge zu hören. Es glitzerte und gleißte, flötete, geigte und sang, das Glänzen und Dröhnen und Brummen verstummte nie, niemals. Und das war gut so, denn so gab es immer wwwe Dinge, die man betrachten, immer wwwe Dinge, die man begehren konnte, immer wwwe Dinge, die man einkaufen und besitzen konnte, in Hülle und Fülle: Speisen, Getränke mit fremdländischen Namen, eins köstlicher als das andere, bunte Kleidung, prächtige Wandbehänge, Eierwärmer, Sitzkissen, Sofas, Samthandschuhe, Gartenzwerge, Spielzeuge, die ganz von allein spielten, künstliche Blumen und künstliches Gras; es war ein Rausch, es war eine Pracht!

Und so ging es immer weiter und weiter, das Mächtige Scheinen speiste das Begehren, das Begehren speiste das Mächtige Scheinen, aber nie wurde das Begehren richtig gestillt. Und das war gut so, denn sonst wäre das Leben ja nicht weitergegangen. Und wenn es den Menschen manchmal schien, als sei das Mächtige Scheinen gar nicht so glitzernd und glänzend, als sei das alles gar nicht wahr – dann schluckten sie schnell die Glückssubstanz, und schon war alles wieder richtig.

Zu jener Zeit lebte auch Einar. Wie die meisten lebte er für sich allein. Die Gesellschaft anderer Menschen suchte er nur noch selten. Es war ihm zu anstrengend. Und es war auch nicht notwendig. Er brauchte seinen Sessel vor der gläsernen Wand nicht mehr zu verlassen, alle Besorgungen konnte er von dort aus erledigen. Er mußte nur auf ein paar Knöpfe drücken: so – und so – und schon war alles geregelt. Früher war er oft hinausgegangen, um andere Leute zu treffen, zu reden, zu lachen, Geschichten zu erzählen. Ja, sogar gemeinsame Mahlzeiten hatte es einmal gegeben, Ausflüge zu den Seen, den Wäldern, den Bergen …

Seen. Wälder. Berge. Wie merkwürdig! Wie merkwürdig und anstrengend war das Leben gewesen, damals. Jetzt war es leicht, ganz leicht. Es kam zu ihm, das Leben, es kam über die gläserne Wand zu ihm, und er brauchte keinen Schritt zu tun. Ein Knopfdruck – ZAPP – da war alles, das Land die Seen die Berge ZAPP – da eine lila Kuh, sahen die früher nicht anders aus?, ach egal ZAPPZAPP da sind die Menschen aber was reden die Quatsch ZAPP ein Unfall ach ZAPP die Frau mit der Seife ZAPPZAPPZAPP ist heute gescheitert ZAPP Tote Verletzte ZAPPZAPP meine Damen und Herren ZAPP ein Krieg ZAPP der richtige Mann die richtige Frau das richtige Dosengemüse ZAPP.
So wußte Einar immer Bescheid über das Leben, denn es floss und floss, es ergoss sich in endlosem Strom in sein Zimmer, seine Welt.

Eines Tages saß Einar wie immer vor der gläsernen Wand, eingehüllt in das leuchtende Dämmern, als plötzlich ein Riss durch die Wand lief, ein winziger Riss, der sich schnell verzweigte und die Wand zerschnitt, in viele kleine Teile, bis sie lautlos zersprang.

Auf der Stelle wurde es dunkel, so dunkel, daß es Einar schien, als sei er plötzlich blind geworden. Und es war so still, daß es ihm schien, als sei er taub. Er saß in seinem Sessel und das Leben hatte aufgehört. Da war nur noch Finsternis und eine furchtbare Stille.

Einar versuchte, aufzustehen. Es war nicht leicht, denn er war es nicht mehr gewohnt. Schließlich gelang es ihm, sich aus der Umarmung des Sessels zu lösen. Das Stehen fiel ihm schwer, denn seine Muskeln waren schwach. So ließ er sich auf die Knie nieder und kroch dorthin, wo die gläserne Wand gewesen war. Ihm kam es nämlich so vor, als käme von dorther ein zarter, kaum wahrnehmbarer Schein, ein ruhiges Licht, ganz anders als das Mächtige Scheinen. Vorsichtig kroch er näher heran. Er hatte große Angst, aber er wollte auch wissen, was es mit diesem seltsamen Licht auf sich hatte. Seine Hände tasteten nach den Scherben der zersprungenen Wand, fühlten aber nur die vielen Lagen weicher Teppiche, die den Boden bedeckten. Doch da – plötzlich fühlte es sich anders an, härter, viel härter und rauher als irgend etwas, das er kannte. Erschreckt hielt er inne. Sollte er wirklich weiter kriechen? Es konnte gefährlich sein. Es konnte sogar lebensgefährlich sein. Einar überlegte lange. „Na gut, dachte er schließlich, „auf der gläsernen Wand gibt es nichts mehr zu erleben, und das ist sehr schwer für mich. Ich muss schauen, ob ich irgendwo eine wwwe finde, denn so kann es nicht bleiben!“ So kroch er weiter, auf Händen und Knien. Der harte, rauhe Boden zerriss ihm die Kleidung, schürfte die Haut von seinen Händen. Das war ein merkwürdiges Gefühl, ganz fremd, und es empörte ihn.

Dennoch kroch er weiter, hin zu dem feinen Lichtschimmer, der ihn anzog. Langsam schien es ihm etwas heller zu werden. Er blieb sitzen und schaute sich um. Er befand sich in einem Raum, der anders war als alles, was er kannte. Es gab keinen Sessel. Es gab keine Wandbehänge, keine bunten Teppiche, keine gläserne Wand. Es gab nichts in diesem Raum, rein gar nichts und er fragte sich, wozu er hierher gekommen war. Hastig drehte er sich um, wollte zurück, aber die Öffnung war fort. Da war nur Wand. Weisse Wand.

Die Wände waren weiss und rauh und der Raum war schwach erhellt von einem klaren Licht, das von oben herab schien. Eine tiefe Stille war in dem Raum, ein kühler Atem schien darin zu wehen. An den Wänden hingen Bilder, darauf waren Zeichen zu sehen, fremde Zeichen, eine geheime Sprache, die er nicht entschlüsseln konnte. Dieser Raum war so ernst, so streng, und das Oberste Gesetz schien hier keine Geltung zu haben.

Einar war hier. Er war allein. Und er fürchtete sich. Der Raum war ihm ein großer Schrecken, er konnte ihn nicht ertragen. Er tastete alle Wände ab, aber da war keine Tür, keine Öffnung. Stunde um Stunde suchte er beharrlich, erforschte jede Ecke, schlug in Panik gegen die Wände, bis er endlich aufgab. Er setzte sich auf den Boden, starrte gegen eine Wand, weil er es so gewohnt war, betrachtete die Bilder, die so anders waren als die, die er kannte.

Lange saß er da, umfangen von der Stille des Raumes. Da war kein Laut, kein Ton. Die Zeit schien endlos und bleiern, eine große Last.

Doch irgendwann war ihm, als hörte er ein feines Rauschen. Lauschend bewegte er sich durch den Raum, um die Quelle dieses Klangs zu finden. Dabei entdeckte er, dass der Raum oben offen war, und dieses leichte Rauschen kam von außerhalb des Raumes. Er horchte verwundert, denn das Rauschen hatte eine Melodie. Wenn er genau hinhörte, konnte er Unterschiede entdecken, es war mal lauter, mal leiser, da war ein besonderer Rhythmus. Einar war wie verzaubert von dem Klang und er wurde nicht müde, ihm zuzuhören. Worte formten sich in ihm, eine Sprachmelodie, wohl im Rauschen erlauscht, aber dennoch sein eigen:

Das Wispern sich sacht
im Wind wiegender Gräser
belebt mein Gemüt.

Einar war verwirrt. Was sollte das bedeuten? Die Worte waren aus seinem Inneren gekommen, das hatte er gespürt. Aber er konnte den Sinn nicht begreifen. Da war eine leise Ahnung in ihm, so zerbrechlich und zart, daß er sie nicht festhalten konnte. Doch der Hauch dieser Ahnung ließ ihn nicht mehr los. Wieder saß er da, lauschte und betrachtete die fremdartigen Bilder. Er erhob sich, ging ein wenig im Raum umher und blieb schließlich vor einem Bild stehen. Er betrachtete es lange.

Schlafende Landschaft -
Mondsichel und Baum zeichnen
magische Schatten.

Wieder die Ahnung, kräftiger nun…
Er betrachtete Bild für Bild, die Zeit war ihm keine Last mehr, er spürte sie nicht. Die geheimnisvollen Worte formten sich wie von selbst, bei jedem Bild sangen Wortlieder in ihm.

Im Morgengrauen
schwarz glänzt der Spiegel des Sees
Tautropfen leuchten.

Einar stand und staunte. Die Wände hatten sich geöffnet. Er ging hinaus. Das Licht war noch da, das klare, kühle Licht über ihm, das den Ort erhellte, an dem er sich befand, eine weite ruhige Landschaft. Die zarte Ahnung, die sich in dem stillen Raum geregt hatte, wurde Gewißheit. Er wußte, er erkannte. Das Vergessen wich von ihm, all die Worte, die sich in ihm geformt hatten, bekamen einen Sinn. Da waren der Mond, der Wind, die Gräser, die Bäume, der See, in dessen blankem Spiegel Einar sich betrachtete. Und er schaute sich selbst ins Gesicht, sah alles, was ihm das Mächtige Scheinen verhüllt hatte.

Einar war froh. Und er war traurig. Denn er wußte, daß er hier nicht bleiben konnte. Er mußte zurück in die Welt des Mächtigen Scheinens. Aber er wußte, daß er zurückkommen konnte.

Er machte sich auf den Weg, fand den stillen Raum wieder, fand die Öffnung in der Wand und fand sein Zimmer. Es war alles, wie es gewesen war: da war der Sessel, da waren alle Dinge, so, wie er sie verlassen hatte, sogar die gläserne Wand war wieder da. Einar sah sich dieses Zimmer an, in dem er so lange wie gelähmt gesessen hatte. Und er lachte. Er lachte so sehr, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen. Denn er wußte, daß das nicht alles war.

Und er entdeckte etwas. Er entdeckte eine Tür, die er vorher gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Er öffnete sie und stand in einem hohen Raum mit einer Treppe. Genau gegenüber war noch eine Tür, auf der ein fremder Name stand. Einar klopfte an die Tür, klopfte und klopfte, aber niemand öffnete. Da trat Einar gegen die Tür, bis sie aufsprang. Er ging in das Zimmer, das vom Dröhnen der gläsernen Wand erfüllt war, fand einen Menschen in einem Sessel, der ihm entsetzt entgegenstarrte, und Einar sagte: „Komm mit, ich will dir eine Geschichte erzählen!“