SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

kiezkatze

Bilder,Geschichten,Tagebuch — Sylvia am 29. Juni 2018  

 

Radierung von Sylvia Hagenbach aus den 80er-jahren

leider ist Lilly die einzige Katze, die hier noch selbstbestimmt durch die straßen streift. Keinohrkater scheint in den katzenhimmel geflogen zu sein. er hockt nicht mehr auf seinem mülltonnenmäuerchen. er fehlt!

aber Lilly! sie macht was sie will. ihr pinkes flohhalsband mit glitzersteinchen trägt sie lässig, als sei es nichts. ruft man sie herbei, kommt sie kurz. wenn du glück hast. gibt köpfchen wie die coolen jungs highfist, kurzer stups. wendet sich dann und geht ihrer wege. wenn du mehr glück hast, lässt sie sich kraulen. leider selten. du triffst Lilly überall. sie sonnt sich auf motorhauben, räkelt sich beim Kulturlustwandel auf den wunderschönen hellen quilts, die die aussteller auf stühlen vor dem laden ausbreiten. sie stolziert in offene bürotüren und macht sich auf schreibtischen breit. sie sitzt vor parterrebalkontüren und schaut. nie würde sie maunzen. sie schaut. einmal lag sie schlafend vor unserer wohnungstür. 3. stock. Ich erschrak und dachte fast, Emil, unser längst verstorbener katerfreund sei zurückgekehrt. Lilly! rief ich. und wollte sie hereinbitten. sie erhob sich huldvoll, gab köpfchen und sprang die treppen runter. mal gucken, wo sie heute lungert. vielleicht am fischstand. heut ist markt.

am rhein

Foto-Text-Geschichten,Fotos,Geschichten — Sylvia am 15. April 2018  

am Rhein spielen sich geschichten ab, schwingen sich finger und faltenwürfe über – ein ei? ein brot? ich schlich ganz herum um das bronzene rätsel, betastete es, schlug vorsichtig darauf. vielleicht würde das ei das brot das gebilde aufspringen und ein küken oder eine erklärung hervorbringen. doch nichts geschah – außer einem hellen seltsamen ton, der den Rhein entlang lief und nicht zurück kam. ich suchte nach einem schild, einer erklärung, einem zettel, einem buch. schließlich fand ich eines mit einem gelben umschlag. der titel war nicht mehr zu entziffern. anscheinend war dem buch viel unheil geschehen, schrammen, knicke, eselsohren. da nahm ich es auf und begann zu lesen. die buchstaben schwammen auf wellen, auf und ab wurde getanzt. da gab ich das lesen wollen auf und freute mich am spiel des auf und nieder, der schatten und der lichtpunkte. es war fast genau so, wie über den Rhein zu schauen. nur papierner, raschelnder, geheimnisvoller. auf der letzten seite entdeckte ich einen bleistiftstrich, den einzigen im ganzen buch, unter den worten: „… am Rhein spielen sich geschichten ab“.

ich erinnere mich…

Geschichten,Kindheit — Sylvia am 12. März 2018  

…an meine deutschlehrerin in der grundschule, wie alt mag sie gewesen sein? schlank, grauhaarig, mit aufmerksamen blauen augen, die vor vergnügen funkeln konnten. aber auch zornige blicke werfen. Adelfine K.; zwischen dem alten schnapsgesichtigen rohrstockschläger, der verschüchterten junglehrerin, der sportlehrerin mit ihrem bellenden ewigen „jamterammterammtammtamm“ war sie mein lichtblick. wenn sie mich ansah, fühlte ich mich richtig. gesehen und verstanden.  als mein vater es sich nicht vorstellen konnte, mich auf die höhere schule zu schicken, kam sie zu uns nach hause. sie ging nicht eher, bis sie meinem vater ein Ja abgetrotzt hatte. wenigstens mittelschule. wenigstens das. dass ich die aufnahmeprüfung bestand,  erstaunte mich sehr. war ich vielleicht doch nicht so dumm und störrisch, wie der rohrstockschläger behauptete? als ich dann zur mittelschule ging, lud mich Frau K. ab und an zu sich ein. zum kakaotrinken. ein bisschen eifersüchtig war ich auf  ihre große tochter. aber das war bald vergessen. wenn ich in ihrer stube an dem großen fenster saß und in die bäume guckte, war ich glücklich. und heute noch bin ich glücklich, dass ich ihr begegnen durfte.

wie komme ich jetzt darauf? ich lese ein buch: „Der erste Mensch“ von Albert Camus. die geschichte einer kindheit und jugend in einem armenviertel in Algier. auch dem protagonisten begegnet ein lehrer, der ihn „sah“. ich lese und lese und kann nicht aufhören. die kinder, die aus „nichts“ ihre spielzeuge herstellen, tagelang selbst erfundene spiele spielen. die mutter. die großmutter. der onkel. das geschlachtete huhn. er erzählt so sinnlich, die straßen, die häuser, das licht, die gerüche, die geräusche. das buch hat mich sofort gefesselt und hineingezogen und es kommt mir manchmal vor, als sei ich in meiner eigenen kindheit gelandet, ganz anders, aber tief verwandt. er erzählt das helle und das dunkle, das leichte und das schwere und es ist ein großes atemloses vergnügen, das zu lesen. zwei drittel des buches sind verschlungen. das letzte wartet morgen auf mich. ich kann es schon jetzt sehr empfehlen.

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