SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Bouillabaisse3.

Geschichten — Sylvia am 3. Juni 2014  

Ich begann mit den Vorbereitungen.
Ich ging zur Bank, checkte mein Festgeldkonto und bezahlte endlich die Stadtwerke, die mich schon zweimal wegen der Begleichung der Wasserrechnung gemahnt hatten. Häufiger besuchte ich diverse Fachgeschäfte, bestellte im Internet und trug zusammen, was ich benötigte. Ich räumte mein Schlafzimmer aus und wartete ungeduldig auf die Lieferung.

Eines Tages klingelte es endlich, und zwei starke Möbelpacker trugen meine Bestellung die Treppen hinauf. Sie halfen mir beim Aufstellen und waren auch sonst sehr freundlich und einem Schwätzchen nicht abgeneigt. Das passte mir nicht, denn ich hatte es eilig und gab ihnen ein großzügiges Trinkgeld, um sie loszuwerden. Als sie endlich weg waren, ging ich zum Schrank, holte all meine Einkaufstüten hervor und packte ungeduldig aus, legte die Werkzeuge und die Tiegel mit den Tinkturen auf den Fußboden und freute mich an dem Anblick.

Dann packte ich meinen Rucksack und verließ die Wohnung, um fischen zu gehen.
Herr D. war zu überrascht, um sich zu wehren. Es war eigentlich ein Kinderspiel, und ich bereue nicht, dass ich es gewagt habe. Es hat sich wirklich gelohnt, denn es ist wunderschön geworden. Still schwebt er in seiner glänzenden Umhüllung, meinem neuen transparenten Wasserbett, die runden Augen verwundert geöffnet, die wulstigen Lippen zu einem erstaunten „O“ gerundet, es ist so friedlich, so still, so beruhigend. Stundenlang sitze ich davor und kann mich nicht satt sehen.

Am schönsten aber ist es nachts, wenn ich mich umdrehe auf meinem neuen Bett und durch die dünne Plastikhaut hin und wieder leichte, behutsame
„o“-förmige Küsschen auf meinem Rücken verspüre.

– Ende –

 

Bouillabaisse2.

Geschichten — Sylvia am 2. Juni 2014  

Herr D. runzelte die Stirn, legte zwei Dosen Bouillabaisse in seinen Einkaufswagen und ging zur Kasse. Ich ließ meine Einkäufe zwischen den Regalen stehen und folgte ihm hastig.

Draußen goss es in Strömen, die Strassen glänzten vor Nässe, alle Leute hatten ihre Schirme aufgespannt und hetzten hin und her, um dem Unwetter zu entkommen. Nicht so Herr D., der sich unbeschirmt und fast behaglich durch die Regenschleier treiben ließ. Nach einer Weile öffnete er eine Haustür und verschwand vor meinen Augen. Lange noch stand ich da, ließ das Wasser an mir herunter rinnen und hoffte, er würde noch einmal auftauchen. Doch er blieb verschwunden.

Mein Leben hatte wieder einen Sinn. Jeden Tag drückte ich mich zwischen den Regalen im Supermarkt herum und wartete auf die Chance, noch einmal seine Hand zu berühren. Auch vor seinem Haus stand ich stundenlang in der Hoffnung, ihm zu begegnen. Oft sah ich ihn am Fenster stehen, seinen öligen glatten Kopf gegen die Scheibe gelehnt, die Spur seines Atems, der das Glas diesig machte und seinen runden knubbeligen Mund, der erstaunte „O“s auf die beschlagene Scheibe drückte. Hin und wieder trat er aus der Tür und ich folgte ihm heimlich. Einmal saß ich in der Straßenbahn hinter ihm und berauschte mich an dem strengen Duft seiner Haare, betrachtete eine große weiße Schuppe, die wie ein Fähnchen an einem einzelnen Haar in der Zugluft sich bewegte. Sie schien mir aufmunternd zuzuzwinkern und fast – fast! hätte ich sie abgepflückt.
Irgendwann hatte ich genug gesehen. Ich musste handeln, denn ich wollte Herrn D. unbedingt näher kommen.

– Fortsetzung folgt –

Bouillabaisse 1.

Fotos,Geschichten — Sylvia am 1. Juni 2014  

mai 039

Kann durchaus daran liegen, dass ich im Sternzeichen Fische geboren bin. Ich liebe Fische. Fische tot oder lebendig, Fische frisch zubereitet, gekocht, gebraten, gegrillt. Am liebsten aber mag ich sie doch im Aquarium.

Ich liebe ihre glatten, schimmernden Oberflächen, ihr stummes, zielloses Treiben im Wasser, ihre Ruhe, ihre königliche Unberührtheit. Ihre runden kalten Augen, die unerschrocken und still die Welt betrachten.
Früher saß ich stundenlang in meinem Lieblingscafé vor dem Aquarium und schaute ihnen zu. Die klumpigen Welse, die mit ihren knubbeligen Mündern an den Glaswänden lutschten, bewunderte ich besonders. Nichts, nichts kann sie erschüttern. Sie sind nur. Sie existieren, ohne Angst. Dachte ich.
Sie waren meine Helden, die Welse, und ich bemühte mich wirklich, es ihnen gleichzutun.

Bis zu dem Tag, als ein Haufen irrer Jungs in das Café stürzte und die übrig gebliebenen Sylvesterknaller auf das Aquarium abschoss. Das Glas zerriss, rutschte in sich zusammen, ließ das Wasser frei, ließ die Fische frei, die, urplötzlich aus ihrem Glaskokon geschmettert, auf dem fleckigen Teppichboden lagen und sich wälzten, wild mit den Flossen schlugen und sich sehr unwürdig gebärdeten. Wilde verschlungene, sich windende Fischleiber, die nur noch nach Leben japsten – meine Illusion von der Möglichkeit eines stoischen, furchtlosen Lebens zersprang auf dem Fußboden des Cafés. Was nicht zersprang, war meine Sehnsucht nach einem solchen Leben.

Und Herr D., genauer gesagt die Augen von Herrn D., erinnerten mich daran. Ja, und ich glaube, nur deshalb geschah es, dass ich begann, ihn genauer zu beobachten. Fast gegen meinen Willen passierte es. Und urplötzlich.

Es war im Supermarkt. Wir standen vor dem Regal mit den Dosensuppen und griffen beide nach einer Bouillabaisse, dieser köstlichen Fischsuppe aus Frankreich. Seine Hand streifte meine, kalt war sie, weich und quappig. Er fuhr herum, seine Augen hinter den dicken Gläsern einer 50er-Jahre-Kassenbrille richteten sich auf mich, seine wulstigen Lippen rundeten sich zu einem erstaunten „O“. „Wels!“ rief ich erschrocken aus. Mein Herz raste.

– Fortsetzung folgt –

 

 

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