SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

gestern

projekt sylvia und kerstin — Sylvia am 11. Mai 2010  

gestern war alles schwarz. das fenster offen zum himmel hin, doch nicht der leiseste wischer einer augenweide. schon lange war das so, viele lange wochen hatte er gedacht, es würde nie mehr eine andere farbe für ihn geben als dieses finstere schwarz da draußen. er zog die vorhänge zu und lauschte nach innen. ganz tief hinein stieg er, ganz hinein in seine heimlichen höhlen und kammern, und verweilte, lang. nicht heller war es dort, nicht heller als draußen. da konnte er genauso gut hier sein. doch je länger er verweilte, umso mehr entdeckte er. entdeckte, wie die schatten so vielfältig waren, nicht einfach schwarz, nein, auch grau auch hellschwarz und braun, kieselgrau, regengrau, auch mauseschwanzgrau, rosa sogar. er schaute und schaute, bis die schatten begannen, blüten zu treiben, noch mehr, noch mehr! er jauchzte, sprang auf, zog die vorhänge vom fenster und rief: es ist ja frühling! und ich habe es gar nicht bemerkt!

projektapril3

fahr bahnhof (text: Sylvia Hagenbach/zeichnung: Kerstin Bober)

projekt sylvia und kerstin — Sylvia am 11. Mai 2010  

alex

linie 8 nordheide

fahr bahnhof

fahr bahnhof

japanerhändchen

tätscheln dictionaries

der blaue kasten

macht PING

mit silbernen lippen

ein fettiger kußmund

auf der glastrennscheibe

und ein lippenstiftherz

alex + mathilda

denken sie bitte

an ihren fahrausweis

ja

ich werde an ihn denken

den ganzen tag

kaugummifetzen

platzen im gesicht

da weint mathilda

lang nicht gesehn

und doch hahaha

an der stange

unter der decke

halbherzige handschellen

wo

baumeln sie hin

gnädigste

fahr bahnhof

fahr bahnhof

den zügen

hinterher

u-bahn-schacht (text: Sylvia Hagenbach; illustration: Kerstin Bober)

projekt sylvia und kerstin — Sylvia am 20. April 2010  

kahles licht wie besoffen über die kacheln bis weit oben wo es fast tag ist. die augen tun weh in den sandpapierhöhlen. irgendwo tropft wasser, irgendwo gröhlen die kids was von fussball, irgendwo wird ein kuchen gefressen. das messer teilt stücke zu. die kerzen runtergebrannt bis auf den zuckerguss. rausgerissen und in den müll geworfen. da liegen sie, himmelblau auf dem rötlichen nudelnest von gestern. kommt, kinder, sagt er, wir fangen an. sie greift neben sich. findet das säckchen mit dem dominospiel. öffnet es. wirft die steine auf die geleise, geht. die frau mit den ausgerissenen augenbrauen schaut ihr nach. sie greift nach ihren plastiktüten, holt die puppe heraus und beginnt zu singen.

Spagettitorte

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