SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

erste büchertanke

Prosaskizzen — Sylvia am 24. März 2007 um 13:33  

ein kleiner raum in der grundschule, versteckt am ende eines langen gangs, regale mit büchern, die nicht auf den
ersten blick ihren namen verrieten. nur eine nummer, die auf dem bücherrücken klebte. eine lehrerin, die alle diese bücher in rotes, blaues oder grünes papier eingebunden hatte – sie saß dort mittags an einem kleinen tischchen und wartete auf kundschaft. auf uns mit den aufgeschlagenen knien, auf uns mit dem verlegenen kinderkichern, auf uns mit
den neugierigen augen und ohren und fingern. sie schenkte uns aufmerksamkeit, hörte zu, empfahl. sie schenkte uns atemlose stunden mit der taschenlampe unter der bettdecke, lange nachdem vater sein letztes “machst du jetzt endlich das licht aus!” gerufen hatte. schon die mutter hatte darauf geachtet, dass auf jedem geburtstagstisch, unter jedem tannenbaum mindestens ein buch lag – aber hier war etwas neues aufgebrochen, eine quelle, die unversiegbar schien, die bei jedem tiefen sprung dort hinein neue bücher, neue welten, neue heldinnen und helden her-
vorbrachte. und an schlimmen, miesen mausetagen konnte man darin versinken, zwischen zwei buchdeckeln verschwinden und in die rolle der starken, unangreifbaren schlüpfen. und wenn man wieder raus-
kam, war man ein stückchen gewachsen.

Erster Schnee

Prosaskizzen — Sylvia am 11. März 2006 um 18:14  

Eines Morgens ist es noch dunkel, dennoch hat sich eine vage Helligkeit über das Zimmer gebreitet. Eine plötzliche Ahnung treibt das Kind aus dem Bett. Barfuss läuft es zum Fenster, zieht die Gardine fort. Der Ausblick ist versperrt, Das Kind kratzt, schabt kalten weißen Staub, schneidet feine Rillen, senkrecht, waagrecht, kreuz und quer. Haucht. Schiebt. Schiebt die kleinen Eisvierecke auf der Scheibe hin und her. Der Blick nach draußen wird frei, da ist sie, die stille weiße Welt, lang ersehnt. Das Kind läuft hinaus, steht da und schaut. Leichter Wind, Flocken treiben, im Schein der Straßenlaterne taumeln sie, tanzen sie, jagen sie ungestüm die Straße hinab ins Dunkle. Das Kind streckt die Hände aus, hält sein Gesicht in den Wind, sammelt sterne, die bald auf der warmen Haut zergehen. Es läuft los, nimmt den Weg um das Haus herum in den Hinterhof, knarrende knarzende Schritte, stiebendes weißes Pulver. Auf dem Hof hängen blasse Gespenster, vergessene Wäsche. Kalt und bleich pendeln die Laken, der Wind treibt die erstarrten Häute gegeneinander. Das Kind schleicht heran, quer über die weiße Rasenfläche. Mit dem Finger gegen die Laken tippen, tapp-tapp, immer wieder, die Gespenster zum Schwingen bringen, zum Krachen und Rascheln und Wispern. Die Starre brechen, ein Stück ums andere knicken, mit sandfeinem Knistern dünne Linien durch das Gewebe schicken.

Später hängen die Gespenster schlapp von der Leine; froh huscht das Kind davon, ein dunkler beweglicher verschwindender Strich im Weiß.

Zitronenfalter

Prosaskizzen — Sylvia am 12. Februar 2006 um 18:46  

Ich bin müde. Ich bin müde als hätte man mir lang schon den Schlaf verboten, Nacht für Nacht mir die Lider an die Brauen genäht; trockene salzige Augen wie Leckerbissen, knisternde krosse Bälle, die zwischen Zähnen zersplittern.

Er leckt sich die Lippen und packt in ihr Haar, er zieht sie an sich und sie riecht den Rauch der an ihm klebt und fetten schalen Schweiß und ihre Haut erhebt sich kräuselnd; komm, sagt er, Qualm fällt aus Nasenlöchern und Mund, und sie mag es nicht, wenn er so ist und sie sieht ihn an und sagt laß mich, und er sagt: Komm! und streckt seine Hand nach ihr aus und das Kettchen am Handgelenk glitzert und flirrt und es fängt an im Kopf ohne zu denken zu drehen, die Augen, nur die Augen, giftige Seen im Kalk im Geröll, Zitronenfalter in den Gräsern am Waldrand, die Kacheln an der Wand sie schwitzen, sie zittern und flattern die Zitronenfalter, Gitter halten sie fest an der Wand sie zucken und können sich nicht erheben ins Licht, oben schimmert es weit, weit fort und hell der Himmel wie Meere und es braust und zieht sie hinab, ein leerer Raum dunkel von flüsternden, wispernden Stimmen, ein Raunen, ein schweres Atmen wie von einem, der ein Geheimnis nicht preisgeben will, ein Schieben, ein Drängen im leeren Raum und ein Schmerz. Das Haar. Die Stirn und das Atmen, Raunen und das helle Meer so fern und auch das Schreien der Möwen verhakt und verhangen im Segel aus Mull vor dem Fenster Licht und ein Berg von Schlick und Schlamm und Zitronenfalter erstickt zerdrückt am Strand während die Muscheln an Land geschlagen werden von den Brechern und spröde platzen und splittern und weiß zerspringen am Rande der Gischt. Eine Hand greift die Scherben und schlägt ins Geröll, rot springt es heraus und es rinnt und fließt und versickert im Dickicht.

Und meine Lider fallen von den Brauen und löschen das Rot und lösen das Salz und Schlaf, der mächtige Krieger, zieht mich an sich und ich verweile, im Dunkeln, allein.

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