SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

wortwörtlich

Prosaskizzen,Tagebuch — Sylvia am 22. März 2011  

“schreib das in gänsefüsschen!” sagte sie – “dann wird es klarer!”
wir hatten keine gänse in unserem gatter, so fing ich die hühner,
zeichnete die verworfenen sätze auf ihre hornigen füsse; ich
wurde verhaftet, weil die stadt zerbarst unter hühnergekicher
und nun – kräht kein hahn mehr nach mir.

im schneeland

Prosaskizzen — Sylvia am 23. Januar 2011  

geleise im schnee

im schneeland bleibt nichts, wie es war. der zug kann nicht fahren, die geleise verbiegen sich im fahlen licht, hinein ins nirgendwo. das grollen und kreischen des letzten RE, als er sich von den schienen in den himmel hob, hängt noch in der luft. dort oben, wo er umherirrt, wischen menschen mit ihren jackenärmeln die fenster blank. manche lesen. manche trinken bier und streiten sich. eben hat sich einer eine zigarette angezündet. alle schauen ihn böse an. er dreht sich weg und nickt im takt seiner ohrstöpselmusik. seine hände fahren mit einem ruck in die jackentaschen. die kippe hängt zwischen seinen lippen. eine junge frau strickt zornig an einem ringelschal, der sich bis in das nächste abteil hinein schlängelt. ein kind holt seine blockflöte aus dem rucksack. der schal fängt an zu tanzen.

erinnern

Prosaskizzen,Tagebuch — Sylvia am 29. September 2010  

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es liegt eine landschaft dahinter, grünbraungrau, voller hügel. eine schmale straße führt in den wald hinein. von fern sind rufe zu hören, lang und hell, grell flackern lichter die stämme entlang. die tiere drängen sich aneinander, gesenkte köpfe, ihr atem mischt sich mit dem nebel, der langsam heranzieht. im zimmer nebenan singt eine frau, den ganzen tag nur ein lied. manchmal weint sie, manchmal steht sie unter der dusche, halbstundenlang. ich häute zwiebeln, schneide sie. kleine, ganz kleine stückchen, lasse es aus meinen augen rinnen. nur beim zwiebelschneiden gelingt es noch, die quellen sind zu tief verborgen. am hang bewegen sich menschen bergauf, langsam, den blick auf den boden gerichtet, verschwinden sie zwischen den bäumen. das licht wird karg, und nach einer weile fährt ein dunkles auto die straße entlang in den wald hinein. nun ist es zeit. ich ziehe den vorhang zu und verschwinde.

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