SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Das Märchen von Einar

Geschichten — Sylvia am 25. Februar 2006  

Da war ein Land, in dem es nie dunkel wurde. Tag und Nacht hatten weder Anfang noch Ende, flossen im Gleichmaß ineinander, da war kein Unterschied. Man brauchte nicht Sonne, nicht Mond, noch Sterne, denn ihr Licht war viel zu schwach, um das Land zu erhellen. Längst war vergessen, daß es derlei Gestirne überhaupt je gegeben hatte, so hell und unendlich wandelbar war das Mächtige Scheinen, das die Menschen selbst geschaffen hatten. Dieses Scheinen durchpulste das ganze Land, die Städte, Straßen, Häuser und die Herzen der Menschen.

Es war die Zeit, als das Begehren Oberstes Gesetz wurde. Es war aber ganz leicht, das Gesetz zu befolgen. Denn da war ja das Mächtige Scheinen. Auf Schritt und Tritt war es bei den Menschen und zeigte ihnen, wie. Das Mächtige Scheinen war nicht stumm, es hatte eine Stimme, nein, viele Stimmen, und es konnte jede Gestalt annehmen, die man sich nur denken kann. In den Straßen schrie es von den hohen Häuserwänden, von jedem Dach herunter; in den Geschäften zirpte es sanft und eindringlich, in den Häusern tönte es bunt aus der gläsernen Wand, die in jeder Wohnung war. So war es immer da, um den Menschen bei der Einhaltung des Obersten Gesetzes zu helfen. Es sandte ihnen Tag und Nacht Zeichen, einen unendlichen Strom bunter Bilder und Botschaften, die jeder verstehen konnte, speiste Augen und Ohren unaufhörlich mit süßen Köstlichkeiten, die das Begehren wachhielten. Wunderbare Dinge gab es zu betrachten, unglaubliche Klänge zu hören. Es glitzerte und gleißte, flötete, geigte und sang, das Glänzen und Dröhnen und Brummen verstummte nie, niemals. Und das war gut so, denn so gab es immer wwwe Dinge, die man betrachten, immer wwwe Dinge, die man begehren konnte, immer wwwe Dinge, die man einkaufen und besitzen konnte, in Hülle und Fülle: Speisen, Getränke mit fremdländischen Namen, eins köstlicher als das andere, bunte Kleidung, prächtige Wandbehänge, Eierwärmer, Sitzkissen, Sofas, Samthandschuhe, Gartenzwerge, Spielzeuge, die ganz von allein spielten, künstliche Blumen und künstliches Gras; es war ein Rausch, es war eine Pracht!

Und so ging es immer weiter und weiter, das Mächtige Scheinen speiste das Begehren, das Begehren speiste das Mächtige Scheinen, aber nie wurde das Begehren richtig gestillt. Und das war gut so, denn sonst wäre das Leben ja nicht weitergegangen. Und wenn es den Menschen manchmal schien, als sei das Mächtige Scheinen gar nicht so glitzernd und glänzend, als sei das alles gar nicht wahr – dann schluckten sie schnell die Glückssubstanz, und schon war alles wieder richtig.

Zu jener Zeit lebte auch Einar. Wie die meisten lebte er für sich allein. Die Gesellschaft anderer Menschen suchte er nur noch selten. Es war ihm zu anstrengend. Und es war auch nicht notwendig. Er brauchte seinen Sessel vor der gläsernen Wand nicht mehr zu verlassen, alle Besorgungen konnte er von dort aus erledigen. Er mußte nur auf ein paar Knöpfe drücken: so – und so – und schon war alles geregelt. Früher war er oft hinausgegangen, um andere Leute zu treffen, zu reden, zu lachen, Geschichten zu erzählen. Ja, sogar gemeinsame Mahlzeiten hatte es einmal gegeben, Ausflüge zu den Seen, den Wäldern, den Bergen …

Seen. Wälder. Berge. Wie merkwürdig! Wie merkwürdig und anstrengend war das Leben gewesen, damals. Jetzt war es leicht, ganz leicht. Es kam zu ihm, das Leben, es kam über die gläserne Wand zu ihm, und er brauchte keinen Schritt zu tun. Ein Knopfdruck – ZAPP – da war alles, das Land die Seen die Berge ZAPP – da eine lila Kuh, sahen die früher nicht anders aus?, ach egal ZAPPZAPP da sind die Menschen aber was reden die Quatsch ZAPP ein Unfall ach ZAPP die Frau mit der Seife ZAPPZAPPZAPP ist heute gescheitert ZAPP Tote Verletzte ZAPPZAPP meine Damen und Herren ZAPP ein Krieg ZAPP der richtige Mann die richtige Frau das richtige Dosengemüse ZAPP.
So wußte Einar immer Bescheid über das Leben, denn es floss und floss, es ergoss sich in endlosem Strom in sein Zimmer, seine Welt.

Eines Tages saß Einar wie immer vor der gläsernen Wand, eingehüllt in das leuchtende Dämmern, als plötzlich ein Riss durch die Wand lief, ein winziger Riss, der sich schnell verzweigte und die Wand zerschnitt, in viele kleine Teile, bis sie lautlos zersprang.

Auf der Stelle wurde es dunkel, so dunkel, daß es Einar schien, als sei er plötzlich blind geworden. Und es war so still, daß es ihm schien, als sei er taub. Er saß in seinem Sessel und das Leben hatte aufgehört. Da war nur noch Finsternis und eine furchtbare Stille.

Einar versuchte, aufzustehen. Es war nicht leicht, denn er war es nicht mehr gewohnt. Schließlich gelang es ihm, sich aus der Umarmung des Sessels zu lösen. Das Stehen fiel ihm schwer, denn seine Muskeln waren schwach. So ließ er sich auf die Knie nieder und kroch dorthin, wo die gläserne Wand gewesen war. Ihm kam es nämlich so vor, als käme von dorther ein zarter, kaum wahrnehmbarer Schein, ein ruhiges Licht, ganz anders als das Mächtige Scheinen. Vorsichtig kroch er näher heran. Er hatte große Angst, aber er wollte auch wissen, was es mit diesem seltsamen Licht auf sich hatte. Seine Hände tasteten nach den Scherben der zersprungenen Wand, fühlten aber nur die vielen Lagen weicher Teppiche, die den Boden bedeckten. Doch da – plötzlich fühlte es sich anders an, härter, viel härter und rauher als irgend etwas, das er kannte. Erschreckt hielt er inne. Sollte er wirklich weiter kriechen? Es konnte gefährlich sein. Es konnte sogar lebensgefährlich sein. Einar überlegte lange. „Na gut, dachte er schließlich, „auf der gläsernen Wand gibt es nichts mehr zu erleben, und das ist sehr schwer für mich. Ich muss schauen, ob ich irgendwo eine wwwe finde, denn so kann es nicht bleiben!“ So kroch er weiter, auf Händen und Knien. Der harte, rauhe Boden zerriss ihm die Kleidung, schürfte die Haut von seinen Händen. Das war ein merkwürdiges Gefühl, ganz fremd, und es empörte ihn.

Dennoch kroch er weiter, hin zu dem feinen Lichtschimmer, der ihn anzog. Langsam schien es ihm etwas heller zu werden. Er blieb sitzen und schaute sich um. Er befand sich in einem Raum, der anders war als alles, was er kannte. Es gab keinen Sessel. Es gab keine Wandbehänge, keine bunten Teppiche, keine gläserne Wand. Es gab nichts in diesem Raum, rein gar nichts und er fragte sich, wozu er hierher gekommen war. Hastig drehte er sich um, wollte zurück, aber die Öffnung war fort. Da war nur Wand. Weisse Wand.

Die Wände waren weiss und rauh und der Raum war schwach erhellt von einem klaren Licht, das von oben herab schien. Eine tiefe Stille war in dem Raum, ein kühler Atem schien darin zu wehen. An den Wänden hingen Bilder, darauf waren Zeichen zu sehen, fremde Zeichen, eine geheime Sprache, die er nicht entschlüsseln konnte. Dieser Raum war so ernst, so streng, und das Oberste Gesetz schien hier keine Geltung zu haben.

Einar war hier. Er war allein. Und er fürchtete sich. Der Raum war ihm ein großer Schrecken, er konnte ihn nicht ertragen. Er tastete alle Wände ab, aber da war keine Tür, keine Öffnung. Stunde um Stunde suchte er beharrlich, erforschte jede Ecke, schlug in Panik gegen die Wände, bis er endlich aufgab. Er setzte sich auf den Boden, starrte gegen eine Wand, weil er es so gewohnt war, betrachtete die Bilder, die so anders waren als die, die er kannte.

Lange saß er da, umfangen von der Stille des Raumes. Da war kein Laut, kein Ton. Die Zeit schien endlos und bleiern, eine große Last.

Doch irgendwann war ihm, als hörte er ein feines Rauschen. Lauschend bewegte er sich durch den Raum, um die Quelle dieses Klangs zu finden. Dabei entdeckte er, dass der Raum oben offen war, und dieses leichte Rauschen kam von außerhalb des Raumes. Er horchte verwundert, denn das Rauschen hatte eine Melodie. Wenn er genau hinhörte, konnte er Unterschiede entdecken, es war mal lauter, mal leiser, da war ein besonderer Rhythmus. Einar war wie verzaubert von dem Klang und er wurde nicht müde, ihm zuzuhören. Worte formten sich in ihm, eine Sprachmelodie, wohl im Rauschen erlauscht, aber dennoch sein eigen:

Das Wispern sich sacht
im Wind wiegender Gräser
belebt mein Gemüt.

Einar war verwirrt. Was sollte das bedeuten? Die Worte waren aus seinem Inneren gekommen, das hatte er gespürt. Aber er konnte den Sinn nicht begreifen. Da war eine leise Ahnung in ihm, so zerbrechlich und zart, daß er sie nicht festhalten konnte. Doch der Hauch dieser Ahnung ließ ihn nicht mehr los. Wieder saß er da, lauschte und betrachtete die fremdartigen Bilder. Er erhob sich, ging ein wenig im Raum umher und blieb schließlich vor einem Bild stehen. Er betrachtete es lange.

Schlafende Landschaft –
Mondsichel und Baum zeichnen
magische Schatten.

Wieder die Ahnung, kräftiger nun…
Er betrachtete Bild für Bild, die Zeit war ihm keine Last mehr, er spürte sie nicht. Die geheimnisvollen Worte formten sich wie von selbst, bei jedem Bild sangen Wortlieder in ihm.

Im Morgengrauen
schwarz glänzt der Spiegel des Sees
Tautropfen leuchten.

Einar stand und staunte. Die Wände hatten sich geöffnet. Er ging hinaus. Das Licht war noch da, das klare, kühle Licht über ihm, das den Ort erhellte, an dem er sich befand, eine weite ruhige Landschaft. Die zarte Ahnung, die sich in dem stillen Raum geregt hatte, wurde Gewißheit. Er wußte, er erkannte. Das Vergessen wich von ihm, all die Worte, die sich in ihm geformt hatten, bekamen einen Sinn. Da waren der Mond, der Wind, die Gräser, die Bäume, der See, in dessen blankem Spiegel Einar sich betrachtete. Und er schaute sich selbst ins Gesicht, sah alles, was ihm das Mächtige Scheinen verhüllt hatte.

Einar war froh. Und er war traurig. Denn er wußte, daß er hier nicht bleiben konnte. Er mußte zurück in die Welt des Mächtigen Scheinens. Aber er wußte, daß er zurückkommen konnte.

Er machte sich auf den Weg, fand den stillen Raum wieder, fand die Öffnung in der Wand und fand sein Zimmer. Es war alles, wie es gewesen war: da war der Sessel, da waren alle Dinge, so, wie er sie verlassen hatte, sogar die gläserne Wand war wieder da. Einar sah sich dieses Zimmer an, in dem er so lange wie gelähmt gesessen hatte. Und er lachte. Er lachte so sehr, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen. Denn er wußte, daß das nicht alles war.

Und er entdeckte etwas. Er entdeckte eine Tür, die er vorher gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Er öffnete sie und stand in einem hohen Raum mit einer Treppe. Genau gegenüber war noch eine Tür, auf der ein fremder Name stand. Einar klopfte an die Tür, klopfte und klopfte, aber niemand öffnete. Da trat Einar gegen die Tür, bis sie aufsprang. Er ging in das Zimmer, das vom Dröhnen der gläsernen Wand erfüllt war, fand einen Menschen in einem Sessel, der ihm entsetzt entgegenstarrte, und Einar sagte: „Komm mit, ich will dir eine Geschichte erzählen!“

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