SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

erinnere dich, schreibe!

Tagebuch — Sylvia am 8. Juni 2017  

„ich sollte es aufschreiben, sagt sie. vielleicht hilft es mir. meinst du, ich sollte es aufschreiben?“ oma schaut mich an. „ja“, sage ich, es ist gut, wenn du es aufschreibst. fang gleich damit an, am besten sofort.“

sie meinte ihr leben. ihre kindheit. ihre jugend. die kriegszeit. die zeit danach. die zeit mit meinem opa. all das schwere. all das schöne. jetzt war sie 83 und es plagte sie, das ungesagte. dass alles weg sein sollte, wenn sie mal weg war, für immer.  „ach“, sagt sie, wen interessierts?“ „mich!“, sagte ich. „mich interessiert das.“

700 km lagen zwischen uns. nicht mal eben vorbei gehen, klingeln und sagen: „so, oma, zeig mal. hast du denn schon was geschrieben?“ aber am telefon plagte ich sie. und sie plagte sich selber, wand sich wie ein aal. „ich weiss nicht.“ „ich habe gar keine zeit.“ „ach, das lohnt doch nicht.“ als das ganze gipfelte in: „ach, da brauch ich ja ein schreibheft. ich hab ja gar kein schreibheft. und keinen stift.“ „was für ein quatsch!“ rief ich, inzwischen ganz aufgebracht. ich packte ihr ein päckchen mit einem dicken schreibheft, A4, und einem wunderschönen kugelschreiber. und einer tafel schokolade. und schickte es ihr. dann gab ich erst mal ruhe. zwei wochen später rief sie mich an. „du! stell dir vor! ich habe schon 20 seiten!“ wie wir uns freuten! „und machst du weiter?“ „ja, natürlich, es gibt doch noch so viel zu schreiben!“ 120 eng beschriebene seiten sind es schließlich geworden. ich lud sie ein, uns zu besuchen, ich tippte es in den computer, druckte es aus. ließ es binden. „das ist ja ein richtiges buch!“ rief sie. vieles hatte sie schon erzählt, aber vieles war mir auch völlig neu. wir haben viel geredet, gelacht, manchmal auch geheult. „weisst du“, sagte sie, „weisst du, jetzt ist es mir viel leichter!“ und es war ihr anzusehen. sie gab ihre erinnerungen auch einigen menschen zu lesen. aber eigentlich hatte sie es für sich getan. während ich hier sitze und tippe, schaue ich ab und zu in die wolken und bilde mir ein: meine oma sitzt auf der schönsten, dicksten, weissesten da oben, grinst ihr schönstes verschwörerinnengrinsen, winkt und sagt: „du! na! dööös is was!“ diese wahre geschichte vom sich erinnern und vom schreiben fiel mir wieder ein beim blättern in dem buch:

Jutta Martha Beiner, „Erinnern und sich neu erfinden“, Ein Handbuch zum selbstbiographischen Schreiben.

im blog von Sonja (wildgans, siehe blogroll) wurde es kürzlich vorgestellt. ein buch voller geschichten vom schreiben, vielfältig, bunt, zahlreich wie die menschen, die sie erzählen. es gibt viele gute lese- und schreibetipps. es gibt beispiele aus der literarischen welt und aus der welt von nebenan. und es gibt eine menge interessanter interviews. und das tollste: Sonja mit ihrem blog wildgans ist auch dabei! bisher habe ich ein wenig quer gelesen, geblättert, bin von seite zu seite gehupft – dennoch kann ich es schon jetzt empfehlen. es lohnt sich (find ich).

6 Comments »

Comment by Quer

8. Juni 2017 @ 10:01

Das ist sicher ein spannendes und lohnendes Buch, liebe Sylvia. Und deine Geschichte dazu von der Oma ist total anrührend. Wie schön aber auch!!

Einen lieben Gruss ins Heute,
Brigitte

Comment by Sylvia

8. Juni 2017 @ 11:35

es freut mich sehr, liebe Brigitte!
lieber gruß
Sylvia

Comment by wildgans

8. Juni 2017 @ 12:11

Mein Schreibherz bebt vor Freude über die anrührende Geschichte mit deiner Oma!!!
Wie gerne hätte ich so etwas auch.
Hast du Blanche gesehen und diesen wunderschönen Tänzer, der sie, die über 90-jährige wieder erweckte?
Es passt ein bisschen dazu, hat mich auch sehr angerührt:
http://programm.ard.de/TV/Programm/Alle-Sender/?sendung=28724144436305
lieben Dank auch für deine Begeisterung für das empfohlene Buch, mein Blog und so –
Sonja

Comment by Sylvia

8. Juni 2017 @ 16:18

:-)))

Comment by Hausfrau Hanna

8. Juni 2017 @ 17:27

Deinetwegen,
liebe Sylvia,
hat es deine Oma gewagt! Sonst wäre das wohl nichts geworden mit dem 120-seitigen Lebensbuch.

Wir brauchen wohl in jedem Alter, in jeder Lebenssituation diese klare Ansprache und diese hilfreiche, unterstützende Hand, damit wir uns etwas Neues zutrauen…

Dankeschön fürs Erzählen 🙂
Und einen herzlichen kram
Hausfrau Hanna

Comment by Sylvia

9. Juni 2017 @ 05:47

gern geschehen! als ich deinen kommentar las, fiel mir ein: genau so hat es meine Oma immer mit mir gemacht als kind: immer mut gemacht, immer ermuntert. sie kam glaub ich mit meinem wilden naturell damals am besten zurecht;-))).
auch dir einen herzlichen kram!
und nen lieben gruß
Sylvia

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