SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

gänsehäutig

Tagebuch — Sylvia am 13. Oktober 2015  

TUMULT eine klangperformance im Ihmezentrum Hannover an einem Freitag im Oktober

http://digital.haz.de/ihmezentrum/

vor jahren ein ort, wo das leben so quirlte und quarlte. bausünde schimpfen die einen, am liebsten abreissen! wegweisend! – sagen die andern. nun isses kaputt, auch schon seit jahren. die großen händler wie Saturn und andere suchten sich neue spielwiesen. das zog die kleinen hinterher, im schlimmsten fall gingen sie pleite. die bis dahin lebendige passage mit den vielen läden, unterhalb der hochhäuser, verkam, vergammelte, verfiel. für die menschen in den wohnungen eine katastrophe. sie wohnen inzwischen an einem unwirtlichen ort. die wohnungen sind schön, mit einem ausblick zum niederknien, umgeben von idyllischer landschaft. doch das drumrum ist zum haareraufen.

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der ort des geschehens ist nicht leicht zu finden, wenn man – wie ich – von der falschen seite kommt. finstere winkel, buchten, treppen, eingänge. ein hund bellt. schatten huschen, schritte, getrappel. stürzt da jemand aus der dunklen treppenschlucht heraus, auf mich drauf, will mir was? das gegrusel wird (fast) aufgehoben durch die vielen urban-art-stücke, die sich hier zuhauf entdecken lassen (an einem hellen tag möcht ich noch mal her mit der kamera).

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eine handvoll leute nur hat sich eingefunden. die anderen haben was verpasst. tumult (3 Musiker; Andreas Brüning, Jürgen Morgenstern, Pit Noack) macht musik, kreiert geräusche, atmosphären. mit allem, was sie zur hand hat. melodische phasen wechsen jäh zu disharmonien, scharren, jaulen, knarren. kontrabass basst ukulele klimpert fiept schrappt übern boden. dann gesang wie gregorianisch, schwebend, sphärisch. dadummmmummm ummm der bass, einer flitscht rum mit alten kassettenrecordern riesenkrach stille wimmern wummern. unwillkürlich senkt sich mein kopf tief zwischen die schultern und eine feine pieksige gänsehaut wächst mir.
die klappernden losen dinge, der jammernde, hustende, heulende wind, das ploppen der kronkorken, wenn wieder eine pulle „Herri“ dran glauben muss, jedes hüsteln, füßescharren, geplauder und geplapper, die martinshörner der vorbeijagenden feuerwehren oder krankentransporter, der tiefe seufzer der frau neben mir – alles wird mit hineingenommen in das spiel. gebanntes lauschen, auch umhergehen, in dunkle ecken lauschen und schauen in dieser guten dreiviertelstunde. schade, dass es nicht mehr publikum gab.

mehr über das gesamte kulturprojekt, wovon tumult nur eine facette war,  kann man hier lesen:

http://www.kulturzentrum-faust.de/index.php?article_id=5566&clang=0

beim heimgehen, über steile treppen mit gitterrosten, noch ein wundervoller anblick:

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8 Comments »

Comment by Quer

14. Oktober 2015 @ 08:04

Deine lebendige Reportage geht mir grade unter die Haut. Da greifen Faszination und leichte Gruselgefühle nahtlos ineinander und die Bilder festigen das Ganze zu einem unvergleichlichen Mix.

Ich bin gerne mit dir dabei gewesen, danke!
Lieben Gruss,
Brigitte

Comment by sylvia

14. Oktober 2015 @ 10:21

vielen dank, liebe Brigitte! es ist wirklich ein seltsamer ort geworden, aber wie du schon sagst: faszination und grusel gehen ineinander über. demnächst (sollte die sonne irgendwann mal wieder rauskriechen aus ihrem nassen grauen bett) geh ich noch mal hin und mache fotos…
dir einen wundervollen tag!
lieben gruß
Sylvia

Comment by seelenruhig

14. Oktober 2015 @ 12:04

Das hast du sehr beeindruckend beschrieben – diese Kontraste – visuell und auch gefühlsmäßig!

Comment by sylvia

14. Oktober 2015 @ 12:33

:-))) danke schön, liebe Ellen! es sind echt krude kontraste, wahrscheinlich aber ists dadurch so spannend. gibt ja auch sowas wie „angstlust“…
herzliche grüße zu dir und zum Bodensee…

Comment by Dietmar Becker

18. Oktober 2015 @ 11:24

ist ja von hier gleich umme Ecke, komplex und unverrückbar eingefügt in den Lindener Alltag.
Da kommt man jeden Tag durch, zu Fuß oder besser noch mit dem Rad, quasi in Verlängerung der Minister-Stüwe-Straße, durch einen eckigen Tunnel mit Brettern seitlich und plötzlich auf der Brücke, die über die Ihme in die Calenberger Neustadt führt.
Du hast das so beschrieben, dass die, die diese riesige Ecke aus Beton kennen, nicht mehr hinmüssen oder jetzt erst recht. Und wenn man es schon lange kennt, ist man jetzt um eine Vorstellung, ja um ein Ihmezentrumerlebnis reicher.

Comment by sylvia

19. Oktober 2015 @ 12:32

ah das wusst ich nicht, dass diese querung existiert… ich bin damals einfach gern über diese brücke richtung limmerstraße spaziert, von der Calenberger Neustadt aus. die performance war wirklich spannend…

Comment by P

20. Oktober 2015 @ 08:21

Hallo Sylvia, vielen Dank für die freundliche und gut geschriebene Konzertbesprechung!
Hier gibt es ein kleines Video von der Show:
https://www.youtube.com/watch?v=IFbnrAppTnQ
Grüße P

Comment by sylvia

20. Oktober 2015 @ 09:00

vielen dank! das freut mich sehr!

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