SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

linie 100

Tagebuch — Sylvia am 27. April 2018  

in einem bus der linie 100 sitze ich und mag mich nicht erheben. da gleitet sie nach hinten weg, meine haltestelle. egal. zu großartig ist dieses sitzen und starren und szenen entstehen und vergehen sehen. ein logenplatz in einem herrlichen theater. auf der fensterbank eines offenen fensters, 2. Stock, lehnt ein bleicher halbnackter mann, ganz und gar haarlos. kein haar auf dem kopf, kein haar an den armen, am hals, an der brust. die haut glänzt, als habe er gerade ein körperöl verwendet, ob köstlich duftend oder ranzig lässt sich nicht feststellen. „Das Buletten-Paradies“, „Betty’s Hair-Oase“,  „Event Location“ tauchen auf und verschwinden. eine dame im rollstuhl, mit grauem haar, klein und drahtig, soll von ihrer begleiterin in den bus geschoben werden. immer wieder schließt sich die bustür vor der zeit. die dame und ihre begleiterin protestieren, andere fahrgäste springen auf und drücken den knopf zum öffnen. endlich ist es geschafft. „merkt der denn nichts, hat der kein hirn im kopf?“ grummelt die begleiterin. „nix haben die, gar nix. nix als nen penis in der hose!“ kräht die kleine dame und pöbelt fröhlich noch immer, als ich am Kröpcke den bus verlasse.

7 Comments »

Comment by Quer

27. April 2018 @ 19:38

Wow! Die Endstation Sehnsucht hat es echt in sich!
Grosses Kino ist das.
Danke für die Übertragung und herzlichen Gruss ins Wochenende,
Brigitte

Comment by wildgans

27. April 2018 @ 23:44

Wow, man muss nur den faulen Po hochkriegen und sich in einen Bus oder in eine Straßenbahn setzen…
Herrlich! Und wie fein die kleine Dame sich ausgedrückt hat! Es gäbe wesentlich heftigere Worte für sowas.
Grüße aus Rheinhessen

Comment by Sylvia

28. April 2018 @ 07:11

ja, kino findet frau auch gleich „umme ecke“. das hab ich früher oft gemacht (siehe rubrik „fahren und schreiben“). macht freude;-)!
viele grüße ins wochenende
Sylvia

Comment by Hausfrau Hanna

28. April 2018 @ 07:24

Diese Geschichte,
liebe Sylvia,
hätte sie auch gern erlebt!
Vor allem die kleine, sich so träf ausdrückende Pöblerin hätte es mir angetan 😉

Endstation Sehnsucht!
Ich erinnere mich nur noch SchwarzWeiss und an Marlon Brando…

Lieben Gruss vom Lande
Hausfrau Hanna

Comment by Sylvia

28. April 2018 @ 08:26

die kleine frau war wirklich taff. und die fahrt mit dem 100er mal
wieder eine richtige frischekur für meine alltagsaugen und -ohren…
lieber gruß
Sylvia

Comment by seelenruhig

30. April 2018 @ 07:57

Herrlich deine Schilderung! Ich liebe das! Das ist das Leben ganz einfach!!!
Wenn wir in der Stadt spazieren amüsieren wir uns auch oft über Wortfetzen oder halbe Sätze, die wir so im Gehen aufschnappen! So lustig! und oft auch überraschend!

Comment by Sylvia

30. April 2018 @ 14:50

ja, gell! bunte tüte…
liebe grüße
Sylvia

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