SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

wo ich herkomme

Kindheit — Sylvia am 9. März 2010  

Wo ich herkomme? Das Land heißt: Deutschland; die Stadt heißt: Hannover. Der Stadtteil: Döhren. Aber – warte mal – das ist zu ungenau. Exakter: Der Döhrener Jammer. Ein Stadtteil-Teil, das leicht anrüchig-schmuddelige Séparée vom „besseren“ Döhren; eine Werkssiedlung, das Viertel der Wolle-Arbeiter:
„Wolle“ = Wollwäscherei und -kämmerei, Wwuk, Ernährerin zahlloser Familien, eingeborener wie zugezogener aus exotischen Welten: Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Eichsfeld; später: Italien, Spanien, Griechenland, Türkei.

Vielleicht sollte ich erklären, weshalb der Jammer Jammer hieß. Ja, ich sollte wohl, aber ich kann nicht, weil es keiner genau weiß.

Es gibt zwei Versionen:

Der Jammer heißt so, weil da arme Leute wohnen, die Grund
zum Jammern haben, oder:
Der Jammer heißt so, weil die Leute, die dort wegziehen
müssen, so traurig sind.

Man kann es sich aussuchen. Ich bevorzuge die zweite Version.

Die Straßen auf dem Jammer heißen wie Flüsse: Rhein, Aller, Weser, Werra, Ems.

Aller, Weser, Ems sind hier kurze, gedrungene Nebenflüßchen des langen Rhein, der in die Werra mündet, die wiederum versickert im gespenstischen Birkenwäldchen, das sich gegen den Kindergarten drängt. Gegenüber ein Trümmergrundstück, unheimlich, Wände mit dunklen Fensterhöhlen, bewachsen mit kleinen Birken. Vorsicht, es können noch Bomben drin sein, heißt es, oder: paß auf, da wohnt der schwarze Mann, hüte dich, geh da nicht rein! Aber die Mahnung ist vergebens, zu verlockend ist das Spiel zwischen den geschwärzten Mauern, in den geborstenen Kellergewölben mit ihren glitschig-feuchten Wänden; geheimnisvolle Fundstücke: Koffer, alte Kleider, ein verrosteter Kochtopf, eine Gabel; Spielen, bis die Straßenlaternen angehen, immer darauf gefaßt, plötzlich ein Skelett zu finden beim Herumstochern.

Nun frag‘ ich mich: wie bin ich jetzt darauf gekommen?

Ach ja, die Straßen!
Also, der Verlauf des Hauptstroms Rhein-Werra: von der Hildesheimer Straße bis ins Birkenwäldchen; die Nebenströme Aller, Weser, Ems, alle vom Rhein aus in das Gleisbett der Wollebahn mündend, der grünen Werksbahn, die vom Bahnhof Wülfel her die dicken Wolleballen in die Fabrik transportiert, täglich außer sonntags. Der Lokführer: groß, hager, grauhaarig, in blauer Montur, ein Freund der Kinder. Manchmal darf eines mitfahren, das schaut voll Ehrfurcht in den gierigen roten Heizkesselschlund.

Also, die Straßen:
Der Hauptstrom Rhein-Werra ist geteert, Aller, Weser, Ems sind bestreut mit grober schwarzer Kohlenschlacke, von denen man kleine Stückchen noch immer bläulich unter der Haut der heute längst erwachsenen Kinder sehen kann.

Die Häuser, die an den Straßen stehen, sind aus rotem Backstein, der Putz zwischen den Steinen ist oft porös, man kann mit dem Finger Löcher hineinbohren, es rieselt. Das Haus, in dem ich gewohnt habe: Parterre, 1. Stock, Dachgeschoß. Das Haus hat zwei Eingänge, zu jeder Etage gehört eine Familie, das macht pro Haus vier Familien. Im Dachgeschoß gibt es jeweils zwei Mansarden und einen Trockenboden. Die Treppen im Haus sind aus rauhem, grauem Stein, das Treppengeländer aus Eisen mit orangener Lackierung, der Handlauf ist schwarz und aus Holz.

In den Wohnungen ist die Küche der größte Raum und auch der wichtigste:

Grauer Linoleumboden, ein Sofa, ein großer Tisch, Stühle. Ein Waschbecken. Ein Spiegel darüber. Ein Herd. Ein Ofen. Ein weißer Küchenschrank mit Glasscheiben. Ein Schränkchen mit Radio darauf. So ähnlich sehen hier im Viertel alle Küchen aus.

Die anderen Zimmer sind nicht so wichtig: Elternschlafzimmer, Kinderzimmer, Wohnzimmer. Aber das Wohnzimmer heißt nur so, gewohnt wird eigentlich in der Küche. In der Küche ist es immer warm, am Küchentisch spielt sich alles ab: Essen, Streiten, Gemüse putzen, Teig rühren, Hausaufgaben machen, Zeitung lesen, bügeln, malen, Briefe schreiben – eben alles!

Gebadet wird auch in der Küche, samstags, in der großen grauen Zinkwanne. Ein Badezimmer gibt es nicht, die Leute waschen sich am Spülbecken in der Küche. Wer Glück hat, hat das Klo in der Wohnung, die Leute auf der anderen Straßenseite müssen über den Hof laufen, bei jedem Wetter, auch im Dunkeln mitten in der Nacht.

Vor den Häusern sind kleine Gärten hinter grau-braunen Holzzäunen. In den Gärten wachsen Hortensien, blau und rosa, Schlachterblumen haben wir dazu gesagt, weil solche Blumen oft auch beim Schlachter im Schaufenster standen. Hier und da steht eine Gartenbank, für den Feierabend.

Hinter den Häusen gehört zu jeder Parterrewohnung ein kleines Stück Land, darauf vielleicht ein, zwei Obstbäume, ein Stück Gemüsegarten: Kartoffeln, Kohlrabi, Karotten; hinten ein Schuppen für die Kleintierhaltung: Hühner, Karnickel, manchmal gar ein Schwein, das man an einem dunklen, kalten Herbstmorgen laut schreien hören kann, wenn man den Kopf nicht schnell genug unter der Decke versteckt. Am Tag kommt dann die Nachbarsfrau mit kleinen Würsten und einer Kanne Brühe.

Sicher, ich könnte noch viel mehr erzählen über den Ort, wo ich herkomme, wo ich ein Kind war. Ich könnte beschreiben, wie die Fabrik den Takt vorgab für den Lebensrhythmus: Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht; könnte die Gerüche des Viertels beschreiben nach Schmieröl von den Weichen der Wollebahn, nach heißem, rotem Backstein, auf den Regen fällt, nach Seifenlauge am Waschtag, ich könnte beschreiben, was freitags am Werkstor los war, wenn die Frauen ihre Männer von der Arbeit abholten, damit die nicht mit ihrem Lohn in die „Kleine Kurve“ zogen, in die Kneipe an der Ecke, ich könnte … Ich sollte!

Denn den Jammer gibt es so heute nicht mehr. Ja, doch die Häuser stehen noch, die Straßen heißen noch genau so wie früher, als ich dort gelebt habe. Aber heute wohnen dort andere Leute, alles sieht feiner aus, herausgeputzt, sauber gestrichene Zäune, und auch die „Wolle“ gibt’s nicht mehr. Wo die Wollebahn fuhr, ist jetzt eine Straße, wo einmal verwilderte Gärtem waren stehen jetzt Häuser.

Alles hat sich verändert, und es ist schon lange her, daß ich ein Kind war.

Aber ich will nicht vergessen, wie es damals war. Und ich will davon erzählen.

7 Comments »

Comment by Hermann Josef

9. März 2010 @ 21:56

Oh wie mir so manches vertraut klingt. Und bei allem hat diese Zeit so vieles hinterlassen, das ich nicht missen wollte.
Es ist spannend und schön, was Du hinterlässt. Danke dafür und alles gute für Dich, liebe Sylvia.
Hermann Josef

Comment by Kerstin

14. März 2010 @ 14:31

Liebe Sylvia, Du solltest wirklich! -viel mehr davon erzählen!!!!

Comment by Sylvia

14. März 2010 @ 16:37

ich versuchs;-)))
danke!

Comment by Mulle Belling

19. April 2011 @ 08:48

das hast du schöön gemacht…weiter so…

LG von Mulle

Comment by sylvia

1. Mai 2011 @ 07:35

hallo Mulle,
Überraschung;-))). danke für die lobesblumen…
lg sylle

Comment by wildgans

10. Januar 2014 @ 18:12

Das ist gut. Davon erzählen.
Gab es auch eine Fabriksirene?

Comment by sylvia

10. Januar 2014 @ 18:35

ja! mittags und wenns gebrannt hat…

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