SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Ellens Kreativer Adventskalender – das 15. Türchen öffnet sich…

Tagebuch — Sylvia am 14. Dezember 2010  

bitte anklicken: Kreativer Adventskalender

Der dunkle König öffnete die 15. Tür.

In hohen Haufen lag lila Lametta auf dem Parkett des Festsaals. An den Wänden entlang stapelten sich Kästen mit Kugeln, die wie jedes Jahr den riesigen Christbaum schmücken sollten. Dieses Jahr waren auch sie in der Farbe lila gehalten, was den dunklen König schaudern ließ. Diener und Dienstmädchen waren eifrig dabei, alles auszubreiten und zu sichten, was für die prachtvolle Feier des Weihnachtsfestes benötigt wurde.

Lametta, Kugeln, Kerzen, funkelnde flirrende Girlanden und glitzernde Figürchen für den Baum – poliertes Silber, Porzellan und Glas für die festliche Tafel – nichts sollte fehlen, kein angeschlagenes oder im Lauf der Jahre matt gewordenes Teil die Augen beleidigen.

In der Küche brodelte und dampfte es, Köchinnen und Köche rannten mit hochroten Gesichtern umher, rüttelten an Pfannen, zogen Backbleche mit duftenden Sternen und Herzen aus den Öfen, die großen Speisekammern füllten sich unaufhaltsam. Die Küchenjungen stolperten und polterten nur so übereinander, sie purzelten durch die Gänge und die Stiegen hinauf und hinunter, im Keller stand der Mundschenk im Rausch zwischen seinen Fässern und probierte wieder und wieder die Weine, einszweidrei und noch einmal, die zum großen Mahl gereicht werden sollten.

Nur noch neun Tage, nur noch neun Tage, nur noch neun Tage – der Rhythmus dieser Worte schien der Motor zu sein, der die Maschine immer schneller vorantrieb. Fahrzeuge trafen ein, überladen mit Päckchen, Taschen, Paketen, die durch eine Luke in den Verpackungssaal befördert wurden, wo sie sofort von Männern und Frauen mit geschickten Fingern als Geschenke verpackt wurden. Hohe bunte Türme wuchsen und wuchsen, fast bis unter die Decke.

In finsteren Ecken saßen die Katzen geduckt mit peitschenden Schwänzen und gesträubtem Fell. Die Hunde hechelten und jaulten, der alte Dobermann lag mit geschlossenen Augen, die Pfoten über den Ohren, mit gewellter Stirn unter dem Tisch im Pförtnerhäuschen.

Der dunkle König schaute dem Treiben lange zu. Dann wandte er sich ab, ging in sein Gemach und setzte sich auf sein Himmelbett. Advent, sagte er, ich habe dich seit langem vermisst. Advent, sagte er, wann endlich kommst du wieder in mein Leben? So lange warte ich schon, Advent, wann kommst du? Wo bist du geblieben? Warum versteckst du dich vor mir?

Der dunkle König seufzte, stand auf und stieg hinab in den Schlosskeller, hinweg über Girlanden und Kugeln aus vergangenen Zeiten in gold, in rot, in türkis und in pink, in silber, in neongrün und in blau. Unter seinen Schritten knirschte es, es war ihm gleich, das Knirschen ließ das Kreischen und Stampfen der Maschine etwas gedämpfter klingen. Er kam in die finstersten Winkel des Kellers, tastete sich vorsichtig weiter. Rumms! Da lag er dennoch. Er war über einen Stock gestolpert. Der König fluchte leise, rieb sich das Knie, stand auf und schaute ihn an. Seltsam. Sah aus wie das Ding, das der Schäfer immer bei sich hatte. Und dieser Haufen da? Er stocherte ein wenig mit dem Stock. Es schepperte, eine kleine Laterne war umgefallen. Er hob sie auf, rieb das Glas mit seinem Ärmel sauber und sah erstaunt, dass sie leuchtete. Hatte sie etwa die ganze Zeit hier unten geleuchtet, ungesehen, unbemerkt? Er hielt sie hoch.

Ein paar Schaffelle, ein Stern an einem langen Stab, ein paar alte Kleider und Hüte, ein dickes zerfleddertes Buch mit Eselsohren – das war alles. Und ein bisschen Stroh, schon ganz grau vom Staub. Der König ging weiter, die kleine Laterne erhoben. Es war sehr still hier in diesem Teil des Schlosses. Ein leichter Luftzug brachte einen Duft herbei von nächtlichen Wiesen und Heu. Weiter, immer weiter ins Dunkel hinein zog es den König bis zur dicken Mauer und einer Tür, die weit geöffnet war. Der König blieb an der Schwelle stehen und schaute. Da breitete sich das Land vor ihm, ganz dunkel war es. Das Licht der Laterne flackerte, als ein großer Mensch auftauchte und rief: „Hallo? Ist da jemand?“ Der König hustete. „Komm mit!“ sagte der Große. „Aber mach die Laterne aus.“ Der König blies das Licht aus und folgte dem Mann, seltsam, ganz ohne Angst. „Komm,“ sagte der Mann, setz dich zu uns.

„Ach, du bist es, Schäfer!“ rief der dunkle König. „Ich habe deinen Stock gefunden!“ „Pssst!“ zischte der Schäfer. „Setz dich hin und hör zu.“ Der König setzte sich. Niemand sprach. „Wem soll ich denn zuhören?“ „Psssst! Sei einfach still.“ Und der König hielt inne. Er legte die Hände auf die Knie und war still. Da hörte er es:

den Wind, der die Disteln zum Singen brachte, das leise Schnauben und Kauen der Schafe, das leise Böh! und das Mäh! wenn eines träumte, das Kollern im Bauch des Schäfers, das Knurren seines eigenen Magens. Er saß und schaute in die Dunkelheit. Und irgendwann in dieser Nacht, als es am dunkelsten war, stieg ein heller Stern aus der Wiese. „Ach!“ sagte der dunkle König. „Da bist du ja!“

Text und Radierung: Sylvia Hagenbach

17 Comments »

Comment by seelenruhig

15. Dezember 2010 @ 08:36

Liebe Sylvia, wie kann ich dir nur danken?! Dieses Türchen ist einfach wundervoll!! Es geht mitten ins Herz hinein!! Rückbesinnung auf die Werte, auf den Sinn des Advent. Text und Radierung von der Künstlerin Sylvia Hagenbach!

Es ist uns allen eine große Freude und Ehre!!

viele liebe Grüße von Ellen

Comment by Malou

15. Dezember 2010 @ 10:50

Ein zauberhaftes Türchen – innehalten, sich umschauen, lauschen – viel zu selten nehmen wir uns Zeit dafür. Ich komme in den nächsten Tagen sicher noch mal lesen.
Liebe Grüße,
Malou

Pingback by Kreativer Adventskalender *15* « seelenruhig

15. Dezember 2010 @ 11:13

[…] * […]

Comment by ina

15. Dezember 2010 @ 12:36

Ich schließe mich Ellen an und bedanke mich für diese schöne Geschichte und die Zeichnung. Schreibst Du sicher so Manchem aus der Seele, dem diese Zeit über den Kopf wächst mit Ihrem Stress,Ihrer Hektik , dem noch mehr, noch höher, noch bunter ohne die ersehnte Befriedung zu erlangen. Es gibt aber, auch in dieser Zeit, Orte des Rückzugs – sei es eine Geschichte, ein Raum oder die Natur , man muss allerdings auch ein bißchen bereit sich zu öffnen um sie zu sehen.
Ina

Comment by april

15. Dezember 2010 @ 15:52

Ganz zauberhaft schön, sehr poetisch und besinnlich.

Comment by Akaleia

15. Dezember 2010 @ 18:46

Was ein „Lese-Genuss“ – ein riesiges Dankschön auch von meiner Seite – genau das braucht man in dieser doch so lauten und unruhigen Vorweihnachtszeit – auch wenn man diesen Trubel nicht mitmacht wird man trotzdem von erfasst.
HG
Birgit

Comment by sylvia

15. Dezember 2010 @ 20:41

ihr lieben alle – ich danke euch sehr! das tut mir gut –
ein bisschen wie der könig fühl ich mich grad – alles zuviel, zu hektisch, zu….
aber für das schreiben der geschichte hab ich mich am sonntag einfach mal „raus gezogen“ und es war herrlich, es einfach zu tun und einzutauchen. und heut hab ich auch mal ne veranstaltung sausen lassen, weil ich ziemlich knieweich war plötzlich – und da sind sie dann – die stille, das lauschen…

Ellen, dir noch mal ganz dollen dank für deine tollen kreativtürchen-aktionen! und euch anderen allen –
auch wenn ich diesmal nicht so viel kommentieren kann wie ich gern möchte – auch ein großes DANKE für all eure guten ideen und liebevollen türchen…
herzlich
sylvia

Comment by Dietmar

15. Dezember 2010 @ 21:51

das geht hin und her mit dem Schnee, mit den
Flocken, der Wind ändert von Norden und wieder zurück,
reißt den Qualm aus den Schornsteinen, zieht im Kamin, dass die Funken sprühen, Salz wird gestreut, Kies muss auf die Wege und Asche – was für ein Durcheinander in den Zügen, Autos, Einkaufstüten, Brieftaschen und Terminkalendern… nur der Adventskalender hält ein bisschen still, ein bisschen
stiller, ein wenig Stille hinterm xten Türchen, das für einen Moment aufklappt und wieder zu –
eine Art Lidschlag oder Seufzen oder was, sonst nichts
besonderes dahinter

Comment by Hermann Josef

15. Dezember 2010 @ 22:05

Liebe Sylvia,
ganz ganz stark und berührend in diesen Tagen, die wie unbefugt zu sein scheinen, eine Symbiose mit dem Geist des Advents darzustellen.
Ja und wir sehnen uns so sehr nach diesem Stern, der ungehindert in der Stille scheinen soll und all das Brüchige und Verletzte heilen mag.
Ich danke Dir von Herzen und schicke aus dem Schnee eine warmherzige Umarmung.
Liebe Grüße von
Hermann Josef

Comment by Tagpflückerin

16. Dezember 2010 @ 08:41

Danke!
lg Tagpflückerin

Comment by sylvia

16. Dezember 2010 @ 16:32

ich hab zu danken – auch euch – Dietmar, Hermann Josef, tagpflückerin;-))))
genießt den advent in schönen kleinen stückchen…

Comment by carola joswig

16. Dezember 2010 @ 16:47

Wie schön, liebe Sylvia. Habe gerade in einer etwas unruhigen Stunde diese Geschichte gelesen und jetzt gefällt mir der Tag viel besser.

Herzliche Grüße
Carola

Comment by Katrin

16. Dezember 2010 @ 23:08

Heute endlich habe ich es geschafft, diese zauberhafte Geschichte zu lesen.
Ja, das fehlt uns leider oft, das Innehalten, das Hineinhorchen. Immer schneller dreht sich das Leben um uns. Gut, wenn wir dann im Advent ein wenig anhalten können, zurück schauen auf das, was war und sich freuen aud das, was da kommt.

Liebe Grüße und vielen Dank

Katrin

Comment by Birgit

17. Dezember 2010 @ 12:00

Hallo Sylvia, eben hab‘ ich mir (endlich) die Zeit genommen und Deine Geschichte gelesen.
Wie einfach nur schön!

Ich danke Dir von Herzen für dieses Türchen.

Liebe verschneite Grüße Birgit

Comment by sylvia

18. Dezember 2010 @ 17:37

lieben dank euch allen!

Comment by Tally

19. Dezember 2010 @ 23:46

Liebe Silvia,
vielen Dank für diesen so besonderen Beitrag.
sitzen – spüren – lauschen.
einfach da sein.

Das ist so wichtig und so wohltuend für alle.

Herzliche Grüße aus dem weißen Winterwald
Tally

Comment by Myrna

21. Dezember 2010 @ 20:53

Hallo Silvia,
Deine Geschichte habe auch ich mit grossem Genuss gelesen. Danke für Deinen lieben Kommentar zu ‚kristalliges‘!
Myrna

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