Fernweh -ein Beitrag für den 7. Kreativtag bei Ellen – blogroll: Seelenruhig
1.
In der Nacht flog ich durch Deutschland, weiss-roter Raureifvogel,
flog von Hamburg bis BaselBad, spuckte meine Passagiere auf den
Perron, träumte ihnen hinterher bis an die zugige Rheinbrücke,
wo Helvetia sitzt, kalt, metallisch, angefroren, Reisegepäck zu ihren Füßen.

Dampfender Fluss, dampfende Fabriken, dampfende Wölkchen vor den Mündern der Passanten, die Richtung Rathaus hasten. Ein Schwarm Vögel krächzt flussaufwärts zu Jean, tinguely tingela schnedderäpännggg tönt es hinter Fenstern, in denen die Schatten seiner Riesenmaschinen auf und nieder zappeln, tinguely tingela schnedderäpännnggggzzzzscht.

Der Wind fegt verfrorene Menschenhäuflein gen Eingang, ein gieriger HAPPS – fort sind sie, drinnen, verzaubert mit heissen Ohren. Ein Mann geht weiter, ein Foto im Sinn von Jean, jung, mit wilden schwarzen Locken, mit dem Raubritterschnauzbart, Niki im Arm, die träumt, Spiegelscherben und bunte Mütter, die an Flussufern tanzen.
2.
Der Mann liegt im Bett und träumt. Niki & Jean fliegen Arm in Arm durch die Himmel, stürzen in ein Gemälde von Chagall mit Blumen, Herzen, Tauben und sehnsüchtigen Fiedlern, die schmalzige Liebeslieder geigen. Das gefällt Niki & Jean für ein Weilchen, aber natürlich wird ihnen bald langweilig.”Raus, los, raus mit dir!” ruft Jean und schleudert einen Mond hinunter.”Komm, du Schatz, geh fliegen!” ruft Niki und wirft ein rotes Herz. Bald bleibt dem Bild nur noch ein tiefes Blau. Das Blau atmet auf, wird weit und immer weiter, strömt über die Ränder hinaus und über den Himmel hin.

3.Es ist Nacht, und Niki & Jean sitzen in einem Park zwischen all den Monden, Herzen, Tauben und sehnsüchtigen Fiedlern. Sie zünden ein Feuer an und braten die Tauben. Im ganzen Park duftet es nach Taubenbraten. Niki & Jean und die Fiedler essen mit Genuss, lecken sich die Finger ab und fallen in einen tiefen Schlaf.

4. Doch das Blau bleibt nicht allein in dieser Nacht. Eine Hand, sehr rot, durchdringt den dunkel schimmernden Spiegel des Himmels, es folgen Arme Köpfe Rümpfe Beine Füße, in leuchtenden Farben und sternengeschmückt. Das Blau zittert, knistert, zerbirst in magische Scherben, wird zum Meer, in dem Schwimmerinnen schweben, leicht, als schwömmen sie im Toten Meer. Geschweifte Sterne erscheinen, goldene Pfeile weisen die Richtung. Woher? Wohin? Dennoch ist es sehr still dort im Blau. Kein Laut dringt herab zu der Lichtung, auf der
Niki & Jean und die Fiedler schlummern. Das vom Himmel geschleuderte Herz seufzt. Ein kleiner Drache mit roten Augen sitzt unter einem Busch und schaut in die Sterne.

Ein Stern löst sich aus dem Himmelsmeer,
rauscht vom Himmel auf die Erde, fetzt das Laub von den
Bäumen und reisst einen mächtigen Krater auf.

Das ist der Moment, in dem der Mann erwacht. Er lacht leise. Der Traum war schön. Könnte er ihn doch in den Tag retten! Der Mann steht auf und tut, was getan werden muss. Dann packt er seinen Rucksack, steckt Geld und Fahrkarte ein und geht zum Blumenladen, kauft ein, eilig,
der Zug wartet nicht. Der Mann nimmt die Tram bis zum Bahnhof, hetzt die Treppe hoch und steigt ein.

5.
Der Zug rast durch das Grau und das Braun und das Grün, das glatt da liegt oder sich in Wellen ausbreitet, an Strommasten entlang singt er, saust er, braust er und durch rabenschwarze Tunnels, die nie aufzuhören scheinen.

Nach Stunden steigt der Mann aus – in der fernen kalten Stadt im Norden, wo es so viel regnet, dass manchen Menschen zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute wachsen. Der Mann kauft sich einen Regenschirm, bunt wie ein Regenbogen und steigt in einen Bus, der ihn durch die Stadt schaukelt bis zum See. Fast genau am Ufer des Sees liegt oben auf einem welligen gemauerten Berg das Museum. Eilig springt der Mann aus dem Bus, zieht seinen Koffer hinter sich her, den welligen stufigen Berg hinauf und schnauft oben erst einmal ordentlich durch. Er setzt sich auf eine kleine Brüstung und schaut über den grauen See. Regentropfen klatschen aufs Wasser und griesgrämige Karpfen reissen ihre Mäuler auf auf der Jagd nach Futter.

Der Mann lacht und winkt mit dem Regenschirm.
6.
Das sehen die Vögel, in großen Scharen fliegen sie herbei und setzen sich zu dem Mann auf die Brüstung. Ein Riesengezwitscher hebt an und der Mann lauscht und nickt ab und zu. Soso, sagt er, soso. Die Vögel fliegen davon, ein Wind erhebt sich und der Mann hält seinen Schirm hoch, der Wind fährt darunter und hebt ihn in die Höhe, den Schirm, den Mann mitsamt seinem Koffer und dem Blumenstrauß. Der Mann lässt die Blumen los, lässt die Rosen fliegen, weisse, rote, rosa Rosen über den See und in den See hinein, so sie schaukeln auf den Wellen als duftende Geschenkpaketchen und Ausrufezeichen. Und er – der Mann mit seinem Koffer – segelt weit über den Himmel hin, den Vögeln hinterher. Nach Süden, nach Süden, hört er sie zwitschern. Wie schön! Wie seltsam! denkt der Mann – da komme ich doch gerade her…
