SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

ich erinnere mich…

Geschichten,Kindheit — Sylvia am 12. März 2018  

…an meine deutschlehrerin in der grundschule, wie alt mag sie gewesen sein? schlank, grauhaarig, mit aufmerksamen blauen augen, die vor vergnügen funkeln konnten. aber auch zornige blicke werfen. Adelfine K.; zwischen dem alten schnapsgesichtigen rohrstockschläger, der verschüchterten junglehrerin, der sportlehrerin mit ihrem bellenden ewigen „jamterammterammtammtamm“ war sie mein lichtblick. wenn sie mich ansah, fühlte ich mich richtig. gesehen und verstanden.  als mein vater es sich nicht vorstellen konnte, mich auf die höhere schule zu schicken, kam sie zu uns nach hause. sie ging nicht eher, bis sie meinem vater ein Ja abgetrotzt hatte. wenigstens mittelschule. wenigstens das. dass ich die aufnahmeprüfung bestand,  erstaunte mich sehr. war ich vielleicht doch nicht so dumm und störrisch, wie der rohrstockschläger behauptete? als ich dann zur mittelschule ging, lud mich Frau K. ab und an zu sich ein. zum kakaotrinken. ein bisschen eifersüchtig war ich auf  ihre große tochter. aber das war bald vergessen. wenn ich in ihrer stube an dem großen fenster saß und in die bäume guckte, war ich glücklich. und heute noch bin ich glücklich, dass ich ihr begegnen durfte.

wie komme ich jetzt darauf? ich lese ein buch: „Der erste Mensch“ von Albert Camus. die geschichte einer kindheit und jugend in einem armenviertel in Algier. auch dem protagonisten begegnet ein lehrer, der ihn „sah“. ich lese und lese und kann nicht aufhören. die kinder, die aus „nichts“ ihre spielzeuge herstellen, tagelang selbst erfundene spiele spielen. die mutter. die großmutter. der onkel. das geschlachtete huhn. er erzählt so sinnlich, die straßen, die häuser, das licht, die gerüche, die geräusche. das buch hat mich sofort gefesselt und hineingezogen und es kommt mir manchmal vor, als sei ich in meiner eigenen kindheit gelandet, ganz anders, aber tief verwandt. er erzählt das helle und das dunkle, das leichte und das schwere und es ist ein großes atemloses vergnügen, das zu lesen. zwei drittel des buches sind verschlungen. das letzte wartet morgen auf mich. ich kann es schon jetzt sehr empfehlen.

kiesteich

Foto-Text-Geschichten,Fotos,Kindheit,Prosaskizzen — Sylvia am 30. September 2014  

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hier tauchten wir nach miesmuscheln als wir kinder waren. auch am steg klebten kleine schwarze grün bewachsene, die knackten, wenn wir drauf drückten. lasst das sagte vater. macht sie nicht kaputt. passt auf eure hände auf. wir gaben dem schwarzen autogummireifen einen schubs und schwammen hinterher. von unten strich manchmal etwas zart und unheimlich an unseren beinen entlang. wir kreischten und paddelten schnell zum steg. dort lagen die handtücher. über spitze steine wackelten wir zur laube. die roch nach alter matratze und holz. der vater zog am eisenring im boden, die kleine falltür klappte auf. hier, sagte er, trinkt ein bisschen brause. die schmeckte nach zitrone und kribbelte in der nase. das war, als wir kinder waren.

 

kind im quadrat IX.

Kindheit — Sylvia am 8. Februar 2014  

das kind schneidet papier, hellblaues. quadrate, rechtecke, dreiecke fallen auf den tisch. still sitzt das kind und schneidet, fast berühren sich zungen- und nasenspitze. eine schweissperle glitzert neben dem ohrläppchen.

kreise, halbmonde, sterne. wie schön, sagt der mann und geht in den keller.

das kind nimmt den klebstoff und bestreicht die wand. klebt quadrate, rechtecke, dreiecke. klebt kreise, halbmonde, sterne auf. die augen leuchten, weit offen.

der mann kommt herein, schreit das kind an: WAS!HAST!DU!DA!GE!MACHT! BIST!DU!VER!RÜCKT!GE!WOR!DEN!

das kind versteckt den kopf in den armen. das kind verschwindet. später fragt der mann: warum hast du das gemacht?

später sagt das kind: es war so dunkel. da wollte ich mehr fenster in die wand machen. der mann schaut auf seine fingernägel und schweigt.

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