SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

kiesteich

Kindheit,Prosaskizzen — Sylvia am 30. September 2014  

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hier tauchten wir nach miesmuscheln als wir kinder waren. auch am steg klebten kleine schwarze grün bewachsene, die knackten, wenn wir drauf drückten. lasst das sagte vater. macht sie nicht kaputt. passt auf eure hände auf. wir gaben dem schwarzen autogummireifen einen schubs und schwammen hinterher. von unten strich manchmal etwas zart und unheimlich an unseren beinen entlang. wir kreischten und paddelten schnell zum steg. dort lagen die handtücher. über spitze steine wackelten wir zur laube. die roch nach alter matratze und holz. der vater zog am eisenring im boden, die kleine falltür klappte auf. hier, sagte er, trinkt ein bisschen brause. die schmeckte nach zitrone und kribbelte in der nase. das war, als wir kinder waren.

 

kind im quadrat IX.

Kindheit — Sylvia am 8. Februar 2014  

das kind schneidet papier, hellblaues. quadrate, rechtecke, dreiecke fallen auf den tisch. still sitzt das kind und schneidet, fast berühren sich zungen- und nasenspitze. eine schweissperle glitzert neben dem ohrläppchen.

kreise, halbmonde, sterne. wie schön, sagt der mann und geht in den keller.

das kind nimmt den klebstoff und bestreicht die wand. klebt quadrate, rechtecke, dreiecke. klebt kreise, halbmonde, sterne auf. die augen leuchten, weit offen.

der mann kommt herein, schreit das kind an: WAS!HAST!DU!DA!GE!MACHT! BIST!DU!VER!RÜCKT!GE!WOR!DEN!

das kind versteckt den kopf in den armen. das kind verschwindet. später fragt der mann: warum hast du das gemacht?

später sagt das kind: es war so dunkel. da wollte ich mehr fenster in die wand machen. der mann schaut auf seine fingernägel und schweigt.

Kindheit VI.

Kindheit — Sylvia am 19. März 2010  

qualm

in der waschküche schüttet die mutter knochen ins wasser,
sehr weiss, weisser als der frische schnee, der gestern vor der hoftür lag.
sie schüttet sie aus der blauen packung, die neben dem
holzbottich steht. das sind keine knochen, kind, sagt die mutter. doch, es sind knochen, knochen, die sind dem schwein aus dem maul gefallen, als es schrie.
ganz rot war das maul und die knochen kamen weiss da raus und ich habe sie
aufgehoben und in die schachtel getan. und in der nacht ist das schwein gekommen
und hat wieder geschrien und hat mich angefasst mit seiner nase. die knochen
wollte es wieder haben und die haut und die pfoten und die ganzen würste,
und ich habe geweint. ach kind, sagt die mutter, was redest du wieder.

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