SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

Kindheit VI.

Kindheit — Sylvia am 19. März 2010 um 14:25  

qualm

in der waschküche schüttet die mutter knochen ins wasser,
sehr weiss, weisser als der frische schnee, der gestern vor der hoftür lag.
sie schüttet sie aus der blauen packung, die neben dem
holzbottich steht. das sind keine knochen, kind, sagt die mutter. doch, es sind knochen, knochen, die sind dem schwein aus dem maul gefallen, als es schrie.
ganz rot war das maul und die knochen kamen weiss da raus und ich habe sie
aufgehoben und in die schachtel getan. und in der nacht ist das schwein gekommen
und hat wieder geschrien und hat mich angefasst mit seiner nase. die knochen
wollte es wieder haben und die haut und die pfoten und die ganzen würste,
und ich habe geweint. ach kind, sagt die mutter, was redest du wieder.

kind im quadrat V. (schrecken der nacht)

Kindheit — Sylvia am 18. März 2010 um 08:00  

schrecken der nacht

und in dem lakengebirge, da. schatten kommen raus, kommen aus den falten, marschieren über die wand über die zimmerdecke hin. klopfklopf, schwarze knochen am fenster, horch! da rappeln die schatten herab von oben, spitze schwarze stäbe spiessen teddy auf. der ist tot, teddy tot, und ich ganz allein, klein, mein herz ist rein. soll niemand. soll niemand drin. keiner da. tropftropf der hahn blutet an der küchenwand. weisser böser totenkopf da oben an der decke, kugelkopf, keine augen nase mund, totenkopf von hinten. dreht euch nicht um, dreht euch nicht um. teddygeist ruft laut muh muh. teddygeist stacheltier. breit aus die flügel beide, breit aus die flügel beide, dies kind soll unverletzet sein. teddygeist steht auf, teddygeist fliegt zur tür, teddygeist ruft laut ma! ma!

kind im quadrat IV

Kindheit,Tagebuch — Sylvia am 16. März 2010 um 07:36  

kind im quadrat4

mein ostpreussischer großvater sah aus wie ein alter indianer. nase wie ein kleines hackebeilchen. seine haut liess mich an meine brottasche denken, in der ich meine stullen in den kindergarten trug. aus dem zerfaserten umhängeriemen kaute ich bittere braune sosse. das taten indianer, wenn sie hunger hatten. auch die butterbrote rochen nach leder. echt indianisch. indianer sein, das wollte ich immer. der kindergarten war ein gefängnis. man musste im sandkasten spielen. man musste manierlich essen. man musste sich die hände waschen. man musste mittags schlafen. ich fand die lücke im zaun. auf meinem schwarzen pferd sprengte ich ins viertel, schrille schreie riefen meine krieger herbei, die ihre pfeile auf die tanten richteten. indianer sein, das wollte ich immer. ich war in wirklichkeit indianer, und das gesicht meines großvaters gab mir recht.

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