erste büchertanke (reprise von 2007) für alle, die das lesen nicht lassen können

Von | 20. September 2019

in vielen blogs, denen ich folge, wird derzeit die lust des lesens gepriesen. deshalb heut von mir ein älterer beitrag, weil er sooo gut dazu passt:

ein kleiner raum in der grundschule, versteckt am ende eines langen gangs, regale mit büchern, die nicht auf den
ersten blick ihren namen verrieten. nur eine nummer, die auf dem bücherrücken klebte. eine lehrerin, die alle diese bücher in rotes, blaues oder grünes papier eingebunden hatte – sie saß dort mittags an einem kleinen tischchen und wartete auf kundschaft. auf uns mit den aufgeschlagenen knien, auf uns mit dem verlegenen kinderkichern, auf uns mit den neugierigen augen und ohren und fingern. sie schenkte uns aufmerksamkeit, hörte zu, empfahl. sie schenkte uns atemlose stunden mit der taschenlampe unter der bettdecke, lange nachdem vater sein letztes “machst du jetzt endlich das licht aus!” gerufen hatte. schon die mutter hatte darauf geachtet, dass auf jedem geburtstagstisch, unter jedem tannenbaum mindestens ein buch lag – aber hier war etwas neues aufgebrochen, eine quelle, die unversiegbar schien, die bei jedem tiefen sprung dort hinein neue bücher, neue welten, neue heldinnen und helden her-
vorbrachte. und an schlimmen, miesen mausetagen konnte man darin versinken, zwischen zwei buchdeckeln verschwinden und in die rolle der starken, unangreifbaren schlüpfen. und wenn man wieder raus-
kam, war man ein stückchen gewachsen.

Amsterdam2

Von | 13. September 2019

Rijksmuseum. das geplapper der menschen, all der bildererklärer, das füßeschurren, trappeln, von den wänden und den hohen decken zurückgeworfen auf dich. aus dem steten schwall wird ein summen, ein säuseln, das leise ferne rauschen eines unbekannten meeres, während dein blick versinkt in einem weinglas. der kelch ist grün, rund, auf seinen wänden spiegeln sich die hellen fenster des raumes, in dem die tafel bereitet ist. eine schale mit austern, ein angebrocktes brot, ein hohes gefäß mit einer weissen substanz – salz? eine halb geschälte zitrone, allerlei kostbar wirkende gefäße. ein umgestürzter obstpokal auf zerknitterter damastdecke. als sei etwas geschehen in diesem festlichen raum, etwas, das nach einem schnellen, ja hastigen aufbruch verlangt. wer saß da, wer aß da, was wurde besprochen? geschah ein unglück oder ein plötzliches heftiges begehren, das keinen aufschub duldete? all die winzigen spiegelungen, und jede ist verschwiegen, über jahrhunderte hinweg.

(das „Stillleben mit vergoldetem Pokal“ von 1635, gemalt von Willem Claesz Heda darf hier nicht abgebildet werden, deshalb setzte ich ein foto von heute ein – fotografiert bei einem grachtenspaziergang)