

die vitrine ist neu bestückt. mit älteren und neuen schilden aus unterschiedlichen papieren. diesmal hängen sie und sie bewegen sich leicht, sie drehen sich, als wollten sie all ihre seiten zeigen.
ein wenig seltsam ist die stimmung dort. manchmal hört man die bahnen unten grummeln. heute schrie ein mann eine gruppe jugendlicher an. es schien der lehrer zu sein, keine ahnung, was sie verbrochen hatten. dann ein lautes krachen ganz unten im tunnel hin und wieder. huschende leute, kaum jemand warf mal einen blick. eine junge frau mit rastazöpfen ging vorüber und lächelte mich an. ein grauhaariger mann schaute grimmig. sonst rannten alle vorüber, blick aufs display.
seltsam froh bin ich. vielleicht habe ich gerade eine neue präsentationsform entdeckt. dann werde ich mich um die „rückseiten“ der schilde kümmern müssen. wenn sie nicht an der wand hängen wie üblich, sondern im raum verteilt von oben herunter, werden sie tatsächlich um und um betrachtet werden können.
länger habe ich mich darum herumgedrückt, eine halbe woche lang stand die vitrine leer. nun nicht mehr, wie schön!
hier ein text über meine arbeiten mit papier, schon älter, aber vielleicht ganz informativ:
Mein Material ist das Papier – in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Ich schöpfe es nicht selbst, sondern nutze industriell hergestellte Papiere, auch solche, die schon durch den Schredder gegangen sind – alles Mögliche, was mir unter die Hände kommt und interessant erscheint. Wenn ich im Atelier bin, habe ich meist keinen bestimmten Plan. Es ist ein eher intuitives Arbeiten. Was ich aber beobachten kann ist, dass in meinen Arbeiten immer wieder das Motiv „Schild“ auftaucht. Zunächst auf dem Papier, nun entwickelt sich diese Form immer mehr ins Dreidimensionale – wird zum Objekt.
Schild – Schutzschild – etwas, hinter/unter dem man sich verbirgt, das Angriffe abwehren und vor ihnen schützen soll – aus dünnen Seiden- und anderen Papieren gefertigt – ein Paradoxon. Eine scheinbar schützende Haut, die aber in hohem Maße verletzlich ist, das Bergende ist eine Illusion. Hier ergibt sich für mich eine Verwandtschaft zum Thema Haus. In einer Ausstellung zu diesem Thema waren die Schilde schon einmal zu sehen. Haus: auch ein scheinbar sicherer Hort, my home is my castle, Rückzugsort, Versteck, Ort zum Kraft schöpfen, starke Wände, die schützen. Wie trügerisch kann auch hier die Sicherheit sein – jemand/etwas kann eindringen, Wände werden porös, bröckeln, das Bergende kann stürzen.
Mich interessiert das Ausloten der Bedingungen, die einen solchen visuellen Kippmoment zustande bringen können, das Changieren zwischen Stabilität und Fragilität.
Sylvia Hagenbach

