SYLVIA HAGENBACH

Texte und Bilder

winter, nass

Tagebuch — Sylvia am 11. Dezember 2018  

nach der tagung, nach dem mittagessen, nach dem gepacke und geraffel gehe ich fort. länger hab ich gewartet, denn vom himmel strömte es unablässig. aber ich wollte, unbedingt, von hier aus zu fuß zum bahnhof laufen. als der regen verstummte und der himmel lichter wurde, ging ich endlich los. die anderen in ihren autos fuhren vorbei, stoppten, hielten an: können wir dich mitnehmen? danke, sagte ich, nein danke, ich möchte laufen, einfach laufen. aber es regnet gleich wieder. das ist egal. ich hab nen schirm, der rucksack ist regendicht und ich habe große lust darauf. ja dann… und sie fuhren davon.

in den zweigen hingen helle tropfen, der wind fuhr hindurch und die bäume sangen. es war kühl und still und einsam. von weitem winkte mir die birke. ich hielt an und schaute, die sonne kroch für einen moment aus den wolken. alles wurde silbrig und hell und ich vergaß, dass es regnete.

tolle zusatzfunktionen

Tagebuch — Sylvia am 6. Dezember 2018  

meine kämpfe mit der neuen kamera machen müde. wer braucht all die „tollen“ zusatzfunktionen? ich nicht. langsam kommen wir uns näher, ein wenig, die neue und ich. aber bis zu friede freude eierkuchen ist es noch ein weiter weg. manchmal gibt es trost. ein spaziergang durch den wald und es glückt ein foto – wie ein gemälde. sollte es doch noch…? bestimmt. aber leider ist geduld nicht meine stärke. „üben üben üben“. sagte mein alter zeichenlehrer. und: „jede bemühung bringt automatisch einen erfolg“. ich glaube, davon schrieb ich schon. heute gelang es mir, eine dieser (für mich) komplett überflüssigen tollen neuen funktionen auszuschalten. da kommen wir uns doch schon wieder ein bisschen näher, wetten?

heute

Tagebuch — Sylvia am 13. November 2018  

auf meinen wegen durch die stadt entdeckte ich auf einem wohnmobil diese worte:

ja. dachte ich. genau so! warum nur vergesse ich das immer wieder?

der große kirschbaum im hof trägt stolz die letzten vergoldeten blätter. im fenster gegenüber spiegelt sich die verbliebene pracht. noch immer dieses leuchten, heute gar durch das trübe novemberlicht, ganz ohne sonne, die gestern (foto) alles so zum strahlen brachte. HEUTE! denke ich. JETZT!

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